Das Autor*innenkollektiv „Berlin Busters Social Club“ hat ein Buch im Themenfeld Kommunikationsguerilla heraus gebracht. Es heißt „Unerhört: Adbusting gegen die Gesamtscheiße“. Es dokumentiert linksradikale Adbusting-Aktionen aus dem Berlin der letzten Jahre. Um schicke Hochglanz-Bilder der Aktionen sind inhaltliche Texte angeordnet. Zusätzlich gibt es einen Flyer, auf dem erklärt wird, wie sich Nachschlüssel für Werbevitrinen aus Kram aus dem Baumarkt herstellen lassen. Zusätzlich beschäftigt sich das Buch mit der Frage, was Werbung ist, und beantwortet diese diskurstheoretisch.

Inhalt?
Ein inhaltlicher Text, was Adbusting ist, und wie man Werbevitrinen öffnet, ist von unserem Blog mit unserem Einverständnis entnommen (ganz schlecht kann es also schonmal nicht sein…). Anhand von Beispielen aus dem Bereich Bundeswehr-Adbustings analysiert ein weiterer Text verschieden designrhetorische Möglichkeiten der Aktionsform. Am Beispiel von Adbustings zu Gentrification wird gezeigt, wie thematisch passende Aktionen die Reichweite eines Nachbarschaftsblogs steigern können. Brandaktuell sind gezeigt Adbustings zum Polizeikongress, die eine andere Protestform aufzeigen, als sich auf szenigen Latschdemos von den Cops verprügeln zu lassen. Am Ende findet sich ein Text, der weitere Möglichkeiten der Intervention im öffentlichen Raum zeigt und diskutiert, wie die Re-Kontextualisierung von Denkmälern und Straßenumbenennungen.

Stärken?
Das Buch dürfte zwei Stärken haben. Zum einen die als herausnehmbares und kopierbares Faltblatt ans Buchende geklebte Anleitung zum Öffnen der Werbevitrinen. Diese Bereitstellung von Know-How zeigt, dass es den Autor*innen nicht nur um Selbstdarstellung geht, sondern tatsächlich um Know-How-Sharing.

Hochglanz?
Eine zweite Besonderheit dürfte sein, dass das Buch optisch und von der Aufmachung zwar linksliberales Bildungsbürger*innen und Hedo-Hipster-Pack ansprechen dürfte, aber durchaus radikale Inhalte transportiert. Herrlich ist der unterschwellige Bash im ersten Text, der sich mit dem Charakter von Werbung auseinander setzt. Dort heißt es: „Eine der wenigen Plattitüden, die im protestantisch geprägten Teil Deutschlands quer durch alle Schichten und Milieus Zustimmung findet, ist die vermeintliche Weisheit, dass Werbung etwas Schlechtes sei. „Werbung kann man schon als die größte Umerziehungskampagne der Menschheit betrachten“: Diese Verschwörungstheorie verbreiten sonst bis zum Erbrechen um den aufklärerischen Mythos der Neutralität bemühte Redakteure vom Deutschlandfunk.“ Und in der Fussnote findet man dann anhand der Quellenangabe den für diesen Quatsch verantwortliche Journalist*in.

Witz und Ironie
Auch die anderen Texte zeichnen sich durch einen feinen Sinn für Witz und Ironie aus. So ist der Text zur Designrhetorik von Bundeswehr-Adbustings scheinbar aus der Sicht der Verfasschungsschutz- und Demokratiefreund*innen geschrieben: „Rund um das von den Überzeugungstäter*innen natürlich völlig zu Unrecht als Kriegsministerium geschmähte Verteidigungsministerium tauchten damals gefälschte Bundeswehr-Plakate auf.“ Dabei entlarven die Autor*innen geschickt, wie die subtile Propaganda der Verunsicherungsorgane funktioniert.

Keine Aktionserklärungen
Schade ist allerdings, dass im gedruckten Buch die auf dem Blog vorhandenen Danksagungen an die beteiligten Aktionskollektive fehlen. Eine Publikation, die sich offen oder verdeckt dem Vorwurf aussetzen wird, aktionistische Produkte warenförmig in Wert zu setzen, sollte hier sensibler sein. Darüber hinaus wird im Buch zwar in den Quellenangaben auf die originalen Aktionserklärungen zu den abgebildeten Bildern verwiesen, aber keine einzige ist abgedruckt oder mehr als auszugsweise zitiert. Da sich niemand außer dem LKA und dem VS die Mühe machen wird, die Links abzutippen, geht diese wichtige Ebene der Aktionsvermittlung verloren. Dies wird zum einen den Interessen der Aktionskollektive, die ihre Bilder zur Verfügung stellen nicht gerecht. Zum anderen sind die Links überflüssig, denn mit QR-Codes neben den Bildern hätte es die Möglichkeit gegeben, die Aktionserklärungen dem Handy-schwingenden Hedo-Hipstertum zugänglich zu machen.

Klauen ist erlaubt.
Sympatisch ist, dass das Buch im Selbstverlag herausgegeben wird. Immerhin handelt es sich dabei um eine nicht unerhebliche Investiton, die für relativ lange Zeit in Papierstapeln gebunden ist. In einem Interview auf ihren Blog erklärt der Berlin Busters Social Club, dass sie die Bücher auf Workshops und Veranstaltungen abgeben möchten. Die Termine finden sich u.a. auf dem Blog der Gruppe. Laut ihrem Interview verlangen sie zehn bis zwanzig Euro von reichen Leuten, wer verspricht, ernsthaft sich mit dem Gedanken zu tragen, echt Aktionen zu machen, darf die Bücher einschließlich Aktionsanleitung aber auch klauen.

Book-Release im Schwarze Risse
Wer das Buch haben möchte, kann es exclusiv im Berliner Buchladen „Schwarze Risse“ erstehen. Dort findet am 4. Februar um 20h auch der Book Release ab 20h statt. Der Eintritt ist frei. Geplant ist ein Autor*innengespräch.

Mehr Infos:

Der Blog des Berlin Busters Social Clubs, wo man sich das Buch auch ansehen kann:
http://www.bbsc.blackblogs.org

Ein Interview mit dem Berlin Busters Social Club:
https://bbsc.blackblogs.org/ueber-uns/

Veranstaltungen mit den Berlin Busters Social Club, wo es das Buch auch geben wird:
https://bbsc.blackblogs.org/termine/