Angesicht der Gelbwesten-Proteste im Nachbarland Frankreich kann man die Militarisierung der Polizei eindrucksvoll bewundern. Außerdem passieren in der hiesigen Medienlandschaft erstaunliche Dinge. Noch gestern, also Wochen nach Beginn der Proteste schreibt z.B der Bayrische Rundfunk auf seiner Webpage: „Es ist eine extreme Gewalt, und man befürchtet bei den nächsten Demonstrationen am Samstag, dass es Tote geben könnte bei den Auseinandersetzungen mit der Polizei.“ Das Interessante an dem bildungsbürgerlichen Spießer-Blabla ist der Konjunktiv: Denn die französische Polizei hat bereits vier Menschen im Verlauf der Proteste getötet. Aber es redet irgendwie kaum wer darüber…

Polizeilicher Totschlag wird ignoriert
Diese Lücke ist auffällig. Die vier Toten werden in der liberalen Presse weitgehend ignoriert. Beispielhaft sei hier die aktuelle Zusammenfassung bei Spiegel online aufgezählt: Die Toten fehlen einfach. Lediglich ausgerechnet die Blöd-Zeitung schlachtet das Thema prominent aus und suggeriert, die Protestbewegung hätte die Leute mit Absicht umlegen lassen, um Druck auf die Regierung auszuüben… Ansonsten: Schweigen im bundesrepublikanischen Blätterwald.

Tote Demonstrat*innen in der Mitte der EU
Dabei ist es ja nicht so, das nichts passiert wäre. In einem Kernland der EU, das nun wirklich nicht weit weg ist und in dem die meisten Medienkonzerne sogar Korrespondent*innen haben, tötet die Polizei bei Einsätzen gegen Demonstrant*innen wieder Menschen. Und das passiert nicht irgendwo weit weg am Arsch der Welt, auf den man mit westlicher Arroganz herab sehen kann, sondern gleich nebenan mitten in der EU. Aber: Kaum Berichterstattung, geschweige denn Skandalisierung oder Kritik an der über Leichen gehenden französischen Polizei.

Sanktionsforderungen gegen Frankreich?
Man muss sich nur mal vorstellen, die putinische Schutzpolizei hätte bei der Niederschlagung von Protesten vier Leichen produziert: Der rot-grüne Blätterwald wäre voll von Sanktionsforderungen gegen jeden einzelnen OMON-Schläger, seine ganze Familie und alle, die sie kennen. Also: Wo bleibt die emotionale Bundestagsrede von Claudia Roth?

Was nicht sein darf, ist auch nicht
Stattdessen: Stille. Denn was für das deutsche Bildungsbürgertum nicht sein darf, gibt es einfach nicht. Und dass in der EU die Polizei über Leichen geht, kann nicht sein. Dass in der EU die Polizei das verfassungsgemäße Recht auf Versammlungsfreiheit mit Totschlag beantwortet, kann einfach nicht sein. Also reagieren die Demokratietollfinder*innen dieser Republik mit kognitiver Dissonanz…

Schlechte Aussichten?
Diese Nicht-Reaktion lässt Schlimmes befürchten. Angesichts des Unfalltods einer Journalist*in im Hambacher Forst waren die Reaktionen noch anders. Selbst der völlig räumungsverrückte Ministerpräsident in den dortigen wüsten Peripherien weit hinterm S-Bahnring sah sich am Ende gezwungen die gewalttätigen Polizeiaktionen einzustellen. Die aktuellen Nicht-Reaktionen auf den polizeilichen Totschlag in Frankreich lassen befürchten, dass hier demnächst auch wieder Menschen auf Demos von der Polizei getötet werden, ohne dass es jemanden in der Medienlandschaft interessiert…

Mehr Infos:

Die Militarisierung der Polizei als Chance für Kommunikationsguerilla?
http://maqui.blogsport.eu/2018/04/09/die-militarisierung-der-polizei-als-chance-fuer-kommuikationsguerilla/

Adbustings kritisieren Polizeikongress:
http://maqui.blogsport.eu/2018/02/07/b-polizeikongress-protest-mit-adbusting-am-alex/

Gehört Polizeigewalt zur Demokratie dazu?
http://maqui.blogsport.eu/2016/02/21/polizei-gewalt-als-teil-der-demokratie/

We shoot you and declare it self-defense:
http://maqui.blogsport.eu/2018/06/30/we-shoot-you-and-declare-it-self-defense-adbusting-am-berliner-dom-gegen-polizeigewalt/