Mit Adbustings (was ist Adbusting?) haben am 5.11.2018 „Autonome Gruppen“ auf die mangelnde Aufklärung im NSU-Prozess hingewiesen. U.a. mit dem Slogan: „Beate Tschäpe wurde verurteilt. Andreas Temme nicht“ zeigen die Künstler*Innen, dass es neben dem Trio noch viele weitere Personen und auch Nazis aus den Geheimdiensten in den braunen Terror verstrickt waren. Nebenbei lassen sich exemplarisch an den Bildern der Aktion Probleme der Aktionsform in Vermittlungs- und Gestaltungsfragen aufzeigen.

Hier die Aktionserklärung von Indymedia im Original:

(B): Jahrestag der NSU-Selbstenttarnung: Aktion gegen den Schlussstrich!

Gestern vor sieben Jahren enttarnte sich das sogenannte NSU-Trio selbst. Um den Forderungen der Angehörigen und Betroffenen Nachdruck zu verleihen, haben wir in der Nacht auf den 5.11. in verschiedenen Stadtteilen Berlins die Bushaltestellen-Werbung mit Plakaten ersetzt, die eine Aufklärung des NSU-Komplex fordern.

Gestern vor sieben Jahren enttarnte sich das sogenannte NSU-Trio selbst. Zuvor zogen diese drei Nazis mit Hilfe eines breiten Unterstützungsnetzwerks aus Nazis und staatlichen Behörden mordend durch Deutschland. Nach der Selbstenttarnung versprachen hochrangige Politiker*innen eine breite Aufklärung. Die Polizei ermittelte zuvor mit rassistischen Motiven im Umfeld der Opfer und der institutionelle Rassismus zeigte sich mal wieder von seiner hässlichsten Seite.

Diese Versprechen waren nichts wert, was wäre auch anderes zu erwarten gewesen? Am siebten Jahrestag sprechen wir von sieben weiteren Jahren behördlicher Sabotage einer breiten Aufklärung, von sieben weiteren Jahren institutionellem Rassismus, von sieben weiteren Jahren einer Verharmlosung neonazistischer Ideologien. Das Urteil im Prozess gegen einen kleinen Teil des NSU-Netzwerks war dabei nur ein weiterer Baustein und eine weitere Ohrfeige für die Angehörigen und Betroffenen.

Auf deren Forderungen wollen wir Aufmerksam machen: Kein Schlussstrich! Auch wenn das Urteil im NSU-Prozess gesprochen wurde, ist nichts wirklich aufgeklärt worden. Solange nicht alle Verantwortlichen angeklagt sind, Betroffenen von rassistischer Gewalt zugehört wird, institutioneller Rassismus und ein gesellschaftliches Klima, das die Taten des NSU ermöglichte, bekämpft werden, ist fast nichts erreicht worden.

Der Verfassungsschutz, ein zentraler Unterstützer des NSU‘s und Saboteur der Aufklärung, ist sogar noch gestärkt aus dem NSU-Komplex hervorgegangen.

In den Worten von Elif Kubaşik: „Ich reagiere in vollkommenem Unverständnis auf diese Art des Urteils“. Kein Schlussstrich – Wir kämpfen weiter für eine Welt ohne Rassismus! Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben wir in der Nacht auf den 5.11. in verschiedenen Stadtteilen Berlins die Bushaltestellen-Werbung mit diesen Plakaten ersetzt.

Autonome Gruppen

(Aktionserklärung Ende)

Offline-Welt oder geile Fotos?
Offline-Welt oder geile Fotos?
Ein Problem, dass beim Adbusting auftritt, zeigt die Aktion so nebenbei exemplarisch: Es ist die Frage, an wen sich die Aktion richtet, und wie sie wirken soll. So ist eines der sehr schicken Poster derart gestaltet, dass die eine Hälfte die Aussage „Beate Tschäpe wurde verurteilt“ transportiert. Die andere Hälfte zeigt von weiten nur ein „Nicht“. Erst beim näheren Herantreten kann man erkennen, dass kleingedruckt um das „Nichts“ haufenweise weitere Namen von Deutschen stehen, deren Verstrickung in den rechten Terror nicht weiter untersucht wurde.

Geeignet für Passant*innen
Für Passant*innen vor der Vitrine funktioniert diese Gestaltung sicher sehr gut und bringt zum Nachdenken. Bei dem Versuch einer medialen Vermittlung ist dies aber nachteilig. Es beginnt damit, dass die ganze politische Message des Plakates überhaupt nicht mit einem Blick erfassbar ist, was eigentlich die große Stärke von Propaganda im City-Light-Format sein könnte.

Probleme bei der medialen Vermittlung
Das nächste Problem ist, dass sich der Inhalt der Gestaltungselemente und damit auch die Botschaft nicht easy in das heute vorherrschende Text-Häppchen-Format alle ze.tt oder bento bringen lässt. Das plakative Format des Posters wirkt sich beim Versuch einer medialen Vermittlung unmittelbar auf den Inhalt aus (ein ähnliches Problem hatten wir genauer bei der Aktion Oury-Yallow-Stadt Dessau genauer analysiert).

Keine Poser-Bilder
Ein weiteres Problem gibt es beim Anfertigen von Fotos. Auch wenn man bei vielen Aktionskollektiven einen anderen Eindruck gewinnen könnte: Die Aufgabe von Aktionsbildern ist es nicht, zu zeigen, was man sich tolles getraut hat. Die Aufgabe von Aktionsbildern ist es, die Botschaft der Aktion zu transportieren. Und wenn zentrale Textelemente so klein sind, dass man sie auf den Bildern nicht gleich lesen kann, oder der Inhalt zu komplex ist, um ihn mit einem Blick auf das Bild zu erfassen, dann bewirkt dass, dass Bilder nur noch suboptimal als Medium der Aktionvermittlung funktionieren. Oder anders ausgedruckt: Kein Online-Redakteur wird ein Bild veröffentlichen, dass einfach nur ne Werbevitrine mit irgendwelchen unverständlichen Textbausteinen zeigt… Wie schwer das ist, zeigt auch die Aktionserklärung der beteilgten Autonomen Gruppen: An keiner Stelle im Text schreiben sie, was eigentlich genau auf den Postern steht.

Masse versus Klasse?
Was sich abzeichnet, sind also zwei unterschiedliche Strategien, wie mit Adbusting das Publikum erreicht werden soll. Die erste funktioniert wie hier: Relativ schicke, relativ komplexe, nur für Passant*innen vor der Vitrine verständliche Adbustings transportieren relativ viel Inhalt, sind dafür aber begrenzt in ihrer Reichweite, weil sie online nie im Leben viral gehen werden.

Offline versus Online?
Das Gegenmodell kann man sich z.B. bei einer Adbusting-Aktion zum Deutschland-Tag in Berlin anschauen. Die Gruppe „Kein Deutschland“ hatte an spektakulären Orten rund um die Festmeile in Mitte auf die hässlichen Seiten des deutschen Nationalismus aufmerksam gemacht. Wenige plakative Veränderungen, deren Inhalt verhältnismäßig begrenzt ist, dafür aber sehr sicher viral in der Online-Welt funktionieren. Der Nachteil ist, dass noch weniger Inhalt über das Poster bzw. das virale Bild transportiert werden kann als bei der anderen Strategie und sich damit regelmäßig das Problem der Vermittlung stellt.

Keine Experimente?
Unser Kenntnis nach wird bei den Adbuster*innen relativ wenig experiment, um dieses Problem der mangelhaften Fähigkeit zur Vermittlung von Inhalten zu begegnen. Eine Anregung dazu haben wir diesen Sommer im Bereich der feministischen Streetart beobachtet. Da ist es irgendwie gerade „in“, sich an Denkmälern abzuarbeiten. So nutze in Berlin die Gruppe Memorialsunderdeconstruction Denkmäler, um auf Sexismus und Abtreibungsverbot hinzuweisen.

Ikonen und Bleiwüsten mischen
Die Gruppe rekontextualisierte Denkmäler mittels angeklebter Sprechblasen und schuf damit ikonische Ansichten und Bilder, die viral gut funktionierten. Gleichzeitig plakatierte die Gruppe rund um die Denkmäler klassisch linksradikale Bleiwüsten-Poster, die das Problem erläutern, aber nur für Passant*Innen zugänglich waren.

Poser-Ansichten und Erklärbär*innen-Poster mischen
Eine andere Lösung könnte es sein, gezielt Poser-Plakate an interessanten Orten, die sich gut fotografieren lassen, mit eher komplexen, sich an Passant*innen richtende Poster zu mischen.

Wir sind auf eure Kreatvität gespannt!

Mehr Infos:

Was ist Adbusting?
http://maqui.blogsport.eu/2018/02/19/was-ist-adbusting/

Kommunikationsguerilla zum Todestag von Ouri Jalloh
http://maqui.blogsport.eu/2018/01/09/kommunikationsguerilla-zum-todestag-von-oury-jalloh

Denkmäler gegen Sexismus und Abtreibungsverbot:
http://www.memorialsunderdeconstruction.blogsport.eu