Aufregung in Berlin. Schüsse im Dom auf der Museumsinsel. Einen Tag später taucht ein Video auf. Die Bild titelt: „Video zeigt wie der Messer-Mann gestoppt wurde“. Doch genau das zeigt das Video nicht: Es fehlt das Messer.

Nachdem vor wenigen Tagen am 3. Juni 2018 die Polizei einen Mann im Berliner Dom niedergeschossen hat, meldete die Presseabteilung der Cops:

„Die 3. Mordkommission hat am Nachmittag die Ermittlungen zu einer Schussabgabe durch einen Polizeibeamten in Mitte übernommen. Nach bisherigen Erkenntnissen alarmierte eine Mitarbeiterin des Berliner Doms gegen 16 Uhr die Polizei zu einem Mann, der sich in der Kirche aufhielt, herumschrie, randalierte und ein Messer in der Hand gehalten haben soll. Die zu diesem Zeitpunkt im Dom befindlichen Besucherinnen und Besucher konnten diesen noch vor dem Eintreffen von Einsatzkräften unverletzt verlassen. Eine Funkwagenbesatzung traf zuerst am Ort ein und begab sich in die Kirche. Die Polizisten forderten den Mann mehrmals auf, das Messer aus der Hand zu legen. Die Aufforderungen ignorierte der mutmaßliche Randalierer. Zunächst benutzten die Beamten das Reizgas, um ihn zur Aufgabe zu bewegen. Dies’ zeigte bei dem Mann offenbar keine Wirkung. In der Folge machte ein Polizist Gebrauch von seiner Schusswaffe und traf den bewaffneten Mann und auch seinen Kollegen. Einsatzkräfte, Rettungssanitäter und ein Notarzt versorgten die verletzten Männer. Beide kamen zu Behandlungen in Krankenhäuser. Entgegen ersten Informationen erlitt der Polizeibeamte leichte Verletzungen; er konnte die Klinik nach der Behandlung wieder verlassen. Der 53-jährige Straftäter wurde operiert und verbleibt stationär. Das genaue Geschehen im Berliner Dom ist Gegenstand weiterer Ermittlungen. Wie in allen Fällen, bei denen Personen durch den Schusswaffeneinsatz von Polizisten verletzt werden, hat eine Mordkommission die Ermittlungen übernommen.“

Handy-Video vom Vorfall
Einen Tag später taucht ein Video auf. Die RTL-Gruppe hat es bei Youtube eingestellt. Das Video hat 21 Sekunden und mehrere offensichtliche Schnittstellen und gibt vermutlich nicht den realen Zeitablauf wieder, da es unter dramaturgischen Gesichtspunkten zusammen geschnitten zu sein scheint.

Mit der Knarre in den Dom
Der erste Abschnitt hat 9 Sekunden. Zu sehen ist, wie sich zwei Beamte bereits mit gezogenen Waffen bis auf ca. 2 Meter an einen weiteren Mann heran bewegen. Dieser steht ruhig vor dem Altar. Er hat die Hände auf dem Rücken. Wir sehen einen Mann, der entgegen den Behauptungen der Presse und der Polizei ruhig und unaggressiv herum steht. Ein Messer sehen wir nicht, was jedoch an den auf dem Rücken verschränkten Armen liegen kann.

Wo ist die Randale?
Die zweite Sequenz dauert sechs Sekunden. Sie zeigt einen der Beamten und den weiteren Mann im Altarraum. Der Mann steht weiterhin in der Mitte, die Arme weiterhin verschränkt auf dem Rücken, der Beamte rechts vom ihm mit gezogener Waffe. Der Mann geht mit weiterhin auf dem Rücken verschränkten Armen auf den Beamten zu. Dieser geht rückwärts. Nach wenigen Schritten bleibt der Beamte stehen und tritt dem Betroffenen vor die Brust. Dieser stolpert rückwärts. Er nimmt die Arme reflexhaft nach vorn um das Gleichgewicht zu halten, was ihm gelingt. Dabei sind die Hände geöffnet. Beim Öffnen der Hände fällt nichts zu Boden. Ein Messer ist nicht zu sehen.

Kampfgas statt Knarre
Die dritte Frequenz dauert drei Sekunden. Sie zeigt den Mann an ähnlicher Position in der Mitte des Altarraumes, die Beamten stehen links und recht von ihm in etwa zwei Meter Entfernung. Überraschenderweise haben beide Beamte nun statt der Knarren die Kampfgassprühgeräte in der Hand. Der Betroffene nimmt nun eine deutliche Angriffshaltung ein und beginnt, auf den rechts stehenden Beamten zuzurennen und zu schubsen, während der zweite Beamte ihm völlig sinnlos Kampfgas an den Hinterkopf klatscht. Beim Rennen hat der Betroffene die Hände geöffnet in Sprinthaltung vor dem Körper. Die Hände sind offensichtlich leer. Ein Messer ist nicht zu sehen.

Warum der Waffenwechsel?
Wahrend die Beamten beim Betreten des Doms also von einer Gefahrenlage ausgingen, die die gezogene Schusswaffe rechtfertigt, müssen die Beamten in der im Zusammenschnitt nicht gezeigten Zeit zu dem Schluss gekommen sein, dass die Knarren überzogen seien und nicht verhältnismäßig sind. Sonst hätten sie sich zu einem Wechsel der Waffen entschieden. Warum, erfahren wir nicht. Eventuell, weil die beiden entweder genau wie wir in der vorherigen Szene kein Messer gesehen haben, oder vielleicht, weil sie in der fehlenden Sequenz gesehen haben, wie ein vielleicht in der ersten Szene noch hinter dem Rücken des Betroffenen verstecktes Messer fallen gelassen wurde.

Die Polizei eskaliert
Eine vom österreichisches Sender OE24.tv veröffentlichte Fassung dieser Sequenz ist leicht anders geschnitten. Sie zeigt am Beginn der Szene zwei Sekunden mehr. Hier ist zu sehen, wie der Betroffene relativ locker und unaggressiv in der Mitte des Altarraumes steht, die Beamten mit gezogenen Kampfgasgeräten ca. zwei Meter links und rechts vom ihm. Seine Hände befinden sich in lockerer Haltung geöffnet vor dem Körper. Der rechte Beamte geht auf den Betroffenen zu und schießt ihm Kampfgas ins Gesicht. Mit der geöffneten flachen Hand versucht der Betroffene den Kampfgasstrahl abzulenken. Eine unmittelbare Mannstoppwirkung zeigt sich jedoch nicht. Erst jetzt nimmt der Betroffene die Angriffshaltung ein und beginnt den oben beschrieben „Bullen-Schubser“, bei dem die geöffneten leeren Hände gut zu sehen sind. Ein Messer ist auch hier nicht zu sehen.

Die Schüsse
Die vierte und letzte Sequenz zeigt den geschuppsten Cop, wie es sich in der rechten Ecke des Altarraumes wieder berappelt. Der Betroffene rennt nun auf den in der ganz linken Ecke des Altarraumes befindlichen zweiten Beamten zu. Bevor er diesen erreicht, fallen Schüsse und er bricht in der Mitte des Altarraumes zusammen. Die Hände des Betroffenen sind in dieser Sequenz deutlich schlechter zu erkennen als in den anderen dreien, da die filmende Person deutlich weiter ausgezoomt hat als zuvor. Vielleicht liegt es daran, dass in dem Händen des Betroffenen im Moment der Schussabgabe kein Messer zu erkennen ist.

Kein Messer zu sehen
Auch wenn man bei 53-jährigen Österreichern mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen muss, dass sie FPÖ wählen und vielleicht einen ganzen Waffenschrank zuhause haben, das Video hart manipulativ geschnitten ist, und völlig unklar bleibt, ob vor dem Eintreffen der Beamten nicht wirklich Christ*innen und Tourist*innen mit einem zwischenzeitlich vielleicht entsorgten Messer bedroht worden sind, ist mindestens der Titel der Springer-Presse falsch. Das Video zeigt nicht, wie ein Messer-Mann gestoppt wird. Denn ein Messer ist nicht zu sehen.

Polizei ist Staat im Staat
In den Videos ist statt dessen ein relativ ruhiger Betroffener zu sehen, der auf eine von denn Cops ausgehende Eskalation mit einem darauf folgenden messerlos ausgeführten Bullenschubser-Angriff reagiert, der im Kugelhagel der Staatsgewalt endet. Aber da wir die einzigen zu sein scheinen, die das so sehen, steht zu befürchten, dass auch unter Rot-Rot-Grün die Berliner Cops ähnlich wie bei den tödlichen Schüssen vom Neptun-Brunnen damals in der Henkel-Zeit damit durchkommen, wenn sie wild in Mitte rumballernd Leute übern Haufen schießen.

Mehr Infos:

Adbustings zum Polizeikongress:

(B) Polizeikongress: Protest mit Adbusting am Alex

Warum Polizeigewalt und Demokratie zusammen gehören:

Polizei-Gewalt als Teil der Demokratie?

Die Militarisierung der Polizei als Chance für kreativen Protest:

Die Militarisierung der Polizei als Chance für die Kommunikationsguerilla