Die Bundeswehr antwortet auf Adbustings ihrer Plakate mit Werbeanzeigen, die das Adbusting aufnehmen und um den Slogan „Wir kämpfen auch dafür, dass Du gegen uns sein kannst“ ergänzen. Grund genug für uns, sich einer Folge unserer Analysen zu Kommunikationsguerilla mit Vereinnahmung, und was man dagegen machen kann, zu beschäftigen.

Die Gefahr der Vereinnahmung
Kommunikationsguerilla, Streetart und Adbustings sind pop: So pop sogar, dass sich Streetart längst auch kommerziell vermarkten lassen, Unternehmen selber auf „Guerilla-Marketing“ setzen und zwecks gruppendynamischer Übungen ihr Personal z Graffitti-Workshops schicken. Entsprechend häufig versuchen sich mittel Streetart oder Adbusting angegriffene Unternehmen mit öffentlich zelebriertem Humor (oder dem, was sie dafür halten) aus der Affäre zu ziehen. Diesem Problem muss sich eine politisch aktive Kommunikationsguerilla bewusst sein.

„Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“?
So hat die für die Kampagne zuständige Werbeagentur bereits im Herbst 2015 in der allerersten Plakatierungswelle von „Mach was wirklich zählt“ ein Motiv veröffentlicht, dessen Slogan explizit auf Gegner*innen des Militärs abzielte. Dieser Slogan lautete: „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“. An diesem Spruch muss sich die Bundeswehr-Kampagne nun freilich messen lassen. Und wer erlebt hat, wie allergisch die Bundeswehr auf Kritik bei öffentlichen Auftritten reagiert, ahnt, wie hoch die Militärs sich die Messlatte gelegt haben.

Bundeswehr betont cool
Zunächst scheinen wegen Adbustings im Kriegsministerium anfragende Journalist*innen keine Auskunft bekommen zu haben und in Bundeswehr-nahen Foren kursierten diverse rechtsoffenen Verschwörungstheorien, doch mittlerweile reagiert die Bundeswehr betont cool auf Veralberungen an ihren Plakaten. Als der Journalist Peter Nowak für das „Neue Deutschland“ im April 2016 im Kriegsministerium bezüglich eines Bundeswehr-Adbustings nachfragt, teilte ihm Pressesprecher Jörg Franke folgendes mit: „Wir sehen bislang keinen Anlass, Strafanzeigen zu erstatten“. Die Bundeswehrplakatkampagne habe zum Ziel gehabt, „provokative Denkanstöße“ auszulösen. Nun sorgten die Adbusting-Aktionen für Kontroversen, die wiederum dazu beigetragen hätten, die Bundeswehrkampagne bekannter zu machen.

Lässigkeit in den Sozialen Medien
Auch in den sogenannten „Sozialen Medien“ agieren die Propagada-Soldat*innen nicht ungeschickt. Im Herbst 2015 wurde die Fassade des „Bundeswehr-Laden“, einer öffentlichkeitswirksame Rekrutierungsstelle am Berliner Bahnhof Friedrichstraße, von oben bis unten mit blutroter Farbe markiert. Neben diesen Anblick stellten die Soldat*innen ein Poster mit dem Slogan „Wir kämpfen dafür, dass Du gegen uns sein kannst“ und verbreiteten das Bild auf ihren Kanälen. Fast alle Berliner Tageszeitungen griffen das Motiv auf und feierten die Besatzung der Rekrutierungsstelle für ihr Propaganda-Geschick.

Bali statt Mali
In einer Werbeanzeige in digitalen und analogen Magazinen greift die PR-Agentur der Bundeswehr ein Adbusting sogar explizit auf. Es handelt sich um ein Adbusting aus München. Auf das große M von Mali wurde dabei ein B geklebt, sodass dort nach der Veränderung „Bali“ statt ursprünglich „Mali“ steht. Den abgebildeten Soldat*innen wurden Blumen an die Helme geklebt und der Slogan um eine Bierflasche ergänzt. In ihrer Werbeanzeige nutzen die Bundis dieses Arrangement wiederum, um es mit ihrem Logo und dem schon vom BW-Laden bekannten Slogan „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“ zu ergänzen.

Gegen zu platte Inhalte
Die Bali-Aktion nutzt zwar durch eine Umcodierung der im ursprünglichen Plakat verwendeten graphischen Symbole geschickt die Vorlage. Die Veränderung von „Mali“ zu „Bali“ suggeriert, dass der „Auslandseinsatz“ eher ein gut bezahlter Ferienurlaub denn ein brutal geführter Krieg sei. Diese Kritik ist nicht besonders tiefgehend, sie könnte auch vom Bund der Steuerzahler*innen kommen. Eine linksradikalen Perspektive dürfte dieser inhaltlichen Ausrichtung vermutlich laut widersprechen und gegen die Verharmlosung des brutalen deutschen Kriegseinsatzes protestieren, womit sie auf einer Linie mit dem Reservist*innenverband läge. Genau die sich hier abzeichnende inhaltliche Zahnlosigkeit des Adbustings ermöglicht der Bundeswehr die Wieder-Aneignung.

Re-Kombinierungen vermeiden
Um eine solche Wiederaneignung zu behindern, muss die neue Botschaft des Adbustings derart gestaltet sein, dass die angegriffenen Firmen oder Institutionen keinerlei Interesse an einer Weiterverbreitung der Kritik haben. Oder umgekehrt ausgedrückt: Das Adbusting muss inhaltlich so tiefschürfend sein, das der negative Effekt auf die ursprünglichen Herausgeber so hoch ist, dass dieser auch bei einer erneuten Neu-Kombinierung überwiegt.

Mit Inhalt die Vereinnahmung vermeiden
Bei poppiger Kommunikationsguerilla stellt sich immer die Frage nach dem Inhalt. Nur weil die Form der Aktion bestimmte Vorteile gegenüber anderen politischen Interventionsformen bietet, sind sie aus einer emanzipatorischen Perspektive trotzdem keine Selbstläufer. Die Plakatveränderungen der Adbusting-Aktivist*innen sind sehr anfällig für Vereinnahmungen aller Art. Das liegt u.a. daran, dass sie zwar für Erregungskorridore sorgen können, aber aufgrund der wenigen Buchstaben und der Einfachheit der Botschaft, die ein gelungenes Plakat nun einmal ausmachen, wenig Inhalt transportieren können. Darüber hinaus müssen Plakat-Veränderungen zumindest in einem gewissen Grade die vorgedruckte Vorgabe ihrer Gegner_Innen nutzen. Gerade deshalb ist ein radikaler Inhalt bei Kommunikationsguerilla sehr wichtig, weil nur das einen relativen Schutz vor einer Rück-Aneignung bietet.

Mehr Infos:

Bundeswehr-Plakate kaputt machen: Was bringt es?
http://maqui.blogsport.eu/2016/01/11/bundeswehr-werbung-zerstoert-was-bringt-es/

Über das Verhältnis von Kunst und Politik beim Adbusting:
http://maqui.blogsport.eu/2015/11/20/das-verhaeltnis-von-kunst-und-politik-beim-adbusting/

Was ist Kommunikationsguerilla?
http://maqui.blogsport.eu/2016/06/16/was-ist-kommunikationsguerilla/