Antisemt*innen scheinen grad groß in Mode zu sein. Anlässlich des Reformationsjubiläum machen gleich mehrere Bundesländer Werbung mit dem Judenhasser Martin Luther. Die Stadt Leipzig setzt aber noch einen drauf und kombiniert in einer aktuellen Image-Kampagne den Antisemiten Luther mit dem ebenfalls judenhassenden Komponisten Johann Sebastian Bach.

Triggerwarnung
Dieser Text setzt sich inhaltlich mit verschieden absolut untragbaren Autor*innen auseinander, deren Lektüre im gesellschaftlichen Diskurs nach wie vor als „gut“ und „wünschenswert“ gelten. Um daran etwas zu ändern zeigt dieser Text mittels direkter Zitate Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, rape-cultur und Aufforderungen zu sexualisierter Gewalt auf.

Luthers Antisemitismus
Im Gegensatz zur Darstellung des evangelischen Kirche zieht sich der Judenhass durch Luthers gesamtes Leben. Geblendet vom Anfangserfolg der Reformation (und weil er sich ohnehin für den Geilsten hielt…) hoffte Luther noch, viele Juden bekehren zu können, was ihn zu einer gewissen Mäßigung antrieb. Als diese Phase vorbei war, legte Luther alle Mäßigungen ab. So schrieb er 1543 mit seinem Text „Von den Juden und ihren Lügen“: „Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.“ (Quelle).

Literarische Vorwegnahme des Holocaust?
Wie einfach es Luther den Nationalsozialist*innen machte, ihn zu vereinnahmen, dürfte der Ende des Textes zeigen. Dort gibt er dem guten Christenmenschen sieben Ratschläge, wie mit „den Juden“ zu verfahren sei: „“Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich (…). Zum andern, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben eben dasselbige darin, was sie in ihren Schulen treiben (…)“. Wer jetzt schon an die Pogrome von 1938 denkt, möge sich auch noch die letzte Lutherische Forderung zu Gemüte führen: „ Siebtens soll man den jungen, starken Juden und Jüdinnen Flegel, Axt, Spaten, Rocken und Spindel in die Hand geben und sie ihr Brot verdienen lassen im Schweiße des Angesichts.“ (Luther: Handbuch der Judenfrage, S. 233-238).

Bachs Antisemitismus
Der nun von der Stadt Leipzig verklärte Komponist Johann Sebastian Bach lebte etwa ein Jahrhundert nach der Reformation. Er war strammer Lutheraner und verstand sein musikalisches Werk explizit als Propaganda für den Protestantismus in einem Europa, dass von Kriegen unter den christlichen Konfessionen geprägt war. In der Matthäus- und Johannes-Prozession nutzt Bach musikalische Stilmittel, um Christ*innen als hochwohllöblich und Jüd*innen als verwerflich darzustellen. Der Historiker Jörg Hansen weißt nach, das Bach Luthers antisemitische Schriften ausführlich lass, und sogar in der Luther-Bibel antisemitische Stellen anstrich (Quelle).

Luthers andere Hässlichkeiten
Auch ansonsten war Luther kein netter Mensch. Er forderte, behindert zur Welt kommende Kinder zu erschlagen. Sein Sexismus und sein Frauenhass füllen Seiten. So seien Frauen laut Luther von Gott lediglich geschaffen worden, um Männer zur Welt zu bringen. Und für den Fall, dass die Ehefrau nicht willig sei, empfahl er seinen frühbourgiosen und adligen Lesern, eine Magd zu vergewaltigen. Zudem glaubte der „Beender des Mittelalters“ an Hexen und forderte ihre Verbrennung. Im Streit mit Thomas Müntzer rechtfertigte er die Leibeigenschaft. Als es in den sog. „Bauer*innenkriegen“ zu Aufständen kam, applaudierte Luther der blutigen Reaktion: “ … Steche, schlage, würge hier wer da kann. Bleibst darüber tod, wohl dir, einen seligeren Tod kannst du nimmer erlangen. Denn du stirbst im Gehorsam gegenüber dem göttlichen Wort und Befehl.“ (Wider die stürmenden Bauern, Weimarer Ausgabe der Lutherschriften). Denn für ihn war völlig klar: „Christen verzichten darauf, sich gegen die Obrigkeit zu empören.“ (Ob Kriegsleute in seligem Stande sein können, 1526). „Es ist besser, wenn Tyrannen hundert Ungerechtigkeiten gegen das Volk verüben, als dass das Volk eine einzige Ungerechtigkeit gegen die Tyrannen verübt.“ (best-of-Sammlung).

Kritische Aufarbeitung in der evangelischen Kirche?
Dabei ist es nicht so, dass sich das protestantische Milieu nicht mit Luthers Antisemitismus auseinander setzen würde. Im Gegenteil, im Vergleich zum Luther-Tamtam vor einer Dekade gibt es eine regelrechte Aufarbeitungswelle. Das Stadtmarketing von Wittenberg bietet Stadtführungen zu ihrem Patron mit kritischen Einschüben an, die auch den Judenhass thematisieren. Das Eisenacher Bachhaus veranstaltete im Herbst 20016 extra eine kritische Ausstellung, die der Verbindung und der Genese vom Antisemitismus im Werk des Komponisten Johann Sebastian Bach und Luthers Einfluss dabei nachspürt. Und selbst Zeitungen wie die „Welt“ nahmen sich des Themas positiv an.

Alles toll?
Das Problem damit kommt jedoch zu kurz. Exemplarisch sei dafür besoffen autofahrende Ex-Bischöfin und „Botschafterin“ des Luther-Jahres Margot Käßmann zitiert. In der Doku „Luther und die Juden“ sagt sie: „Meines Erachtens können wir da nicht schweigen länger über die Schriften Luthers zu den Juden, vor allem die Schrift von 1543, weil sie von den Nationalsozialisten benutzt wurde. Und ich finde es wichtig, das wir uns mit dieser Vergangenheit auseinander setzen“ (Min. 1.30).

Verengung auf 33-45
Stellvertretend für das protestantisch geprägte Deutschland verengt Käßmann das Problem auf die Zeit von 1933-1945. Mit genau „dieser“ Vergangenheit, und mit keiner anderen Zeit, weder vorher noch nachher, setzt sich die Luther-Aufarbeitung auseinander. Richtig deutlich wird das sogar im obigen Kirchen-Propaganda-Film nach Minute 16. Dort spricht Käßmann mit einer Pastorin, die trotz Unterbrechungen durch Käßmann im Gespräch darauf insistiert, dass sie leider „häufig“ erlebt habe, dass das antisemitische Substrat Luthers in heutigen Predigen in Form von „unreflektierten Vorurteilen“ eine Rolle spiele. Käßmann entgegnet ungläubig stirnrunzelnd bezweifelt: „Gegenüber Juden? (…) Das hätte ich ja nicht gedacht.“

Blinde Flecken
Darüber hinaus versucht Käßmanns Narrativ, den Text von 1543 ins Zentrum zu rücken, und blendet aus, dass sich Judenhass durch Luthers gesamtes Werk zieht. Im hier verwendeten Käßmann-Video macht sich ein Rabbiner im Gespräch mit Käßmann sehr intelligent und witzig über Käßmanns Reduzierung der Antisemitismus-Problematik auf den Text von 1543 lustig, indem er in deutlich ironischem Tonfall sagt: „Wir bräuchten einen Kirchenhistoriker, der nachweist, das dieser Text Luther untergeschoben wurde!“ (min. 25). Darüber hinaus beschäftigt sich die angebliche „Aufarbeitung“ der evangelischen Kirche lediglich mit Antisemitismus. Das man bei Luther eher ein Einstellungssyndrom voller gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit findet, will Margot Käßmann nicht wahr haben.

Heilig wegen Antisemitismus
Die Aufarbeitungsbemühungen der lutheranischen Kirche ignorieren zudem, dass Luther, Bach, Hegel, Kant, Marx (to be continued…) nicht trotz ihrer antisemitischen, rassistischen, sexistischen, autoritätsgläubigen, autoritären Positionen zu Säulenheiligen der deutschen National-Geschichtskonstruktion wurden, sondern gerade deswegen. In Deutschland verband sich die bourgeoise Reform in unheiliger Allianz mit der vom protestantischen Preußen betriebenen Obrigkeitsstaat. Der deutsche Weg in die Moderne überwand Widerstände gegen die von oben betriebene Reichs- und Nationsgründung durch die Verwendung von kollektiver gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Deutsche Scheiße
Mit Sexismus und Frauenfeindlichkeit wurde das gesellschaftliche Primat der Kleinfamilie durchgesetzt. Mit Ausgrenzung von Jud*inenn, Katholik*innen und Liberalen wurde im Kulturkampf die kleindeutsche Lösung der Reichseinigung durchgesetzt. Die Privilegien der Reichen wurden mittels Ausnahmezustand gegen die Sozialdemokratie erkämpft. Die daraus resultierenden Wertesysteme und Diskurse bestimmen bis heute, was in D-Land so abgeht. Wer sich ernsthaft mit dem antisemitischen, rassistischen, sexistischen und obrigkeitshörigem geistesgeschichtlichem Erbe in der deutschen Geschichte auseinander setzen möchte, kann seinen Aufwand nicht nur auf die Zeit von 1933-45 beschränken. Im Gegenteil: Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Luthers Menschenfeindlichkeit muss in eine ernsthafte Ablehnung von Nationalismus führen.

Mehr Infos:

Was ist Nationalismus?
http://maqui.blogsport.eu/2015/09/30/was-ist-nationalismus/

Adbusting gegen Nation und Rassismus zum 3.Oktober:
http://maqui.blogsport.eu/2015/10/04/berlin-adbusting-zur-einheitsfeier/

Einigkeit und Recht und Ausländerfeindlichkeit?:
http://maqui.blogsport.eu/2015/09/30/einigkeit-und-recht-und-auslaenderfeindlichkeit/

Kommunikationsguerilla gegen Nazis:
http://maqui.blogsport.eu/2016/02/07/kommunikationsguerilla-gegen-nazis/