Das Überraschende an der aktuellen Besetzung des Institut für Sozialwissenschaften wird nicht ihr Scheitern sein. Das Überraschende und Erklärungsbedürftige am Aufstand der Studierenden ist, das der Aufstand überhaupt stattfindet. Ein Erklärungsversuch mit Albert Camus „Der Mensch in der Revolte“ aus der Textreihe „theoretisches praktisch“.

Besetzung gescheitert
Machen wir uns nichts vor: Die Besetzung des Instituts für Sozialwissenschaften ist gescheitert. Um die zentrale Forderung durchzusetzen, der wegen falscher Kreuze im Lebenslauf gefeuerte Stadtsoziologe Andre Holm möge ans Institut zurück kehren, hätte mittlerweile die halbe Berliner Hochschullandschaft im Ausstand und weite Teile des rot-grün wählenden liberalen Bildungsbürger*innentum unter dem Banner der Solidarität versammelt sein müssen.

Überraschend, dass die Besetzung statt gefunden hat
Das Scheitern der Besetzung ist keine Überraschung. Wer dem liberalen Bildungsbürger*innentum vertraut, ist aufgeschmissen. Bei einer halbwegs sinnvollen Analyse der Rahmenbedingungen muss das auch allen Akteuer*innen klar gewesen sein. Dafür gibt es haufenweise naheliegende erklärende Modelle. Deshalb geht’s hier um was ganz anderes: Das Überraschende am Streik am Institut für Sozialwissenschaften ist nicht, das er scheitert. Das Überraschende ist, dass er überhaupt statt gefunden hat.

Auswege aus der Unmündigkeit
Wir leben in einer Zeit, in der die durchschnittliche Studierende der Sozialwissenschaften keinerlei Erfahrung im selbstbestimmten gemeinschaftlichen Organisieren oder im Führen von politischen Auseinandersetzungen hat. Doch wer auf diesen Fakt mit abgehobener Arroganz reagiert, und z.B. Kants schöngeistiges Gequatsche vom der selbstverschuldeten Unmündigkeit schulterzuckend in Stellung bringt, das Überraschende und damit das Besondere an der Besetzung nicht verstehen.

Klinische Säuberungen
In der heutigen Welt sammeln junge Menschen keine politischen Erfahrungen mehr. Die Schulen, früher Schlachtfeld pubertären Ungehorsams und antiautoritärer Aufsässigkeit, sind dank G8-Abitur, Zwischenprüfungen und Ganztags AG-Angebot von Bereichen, in denen eigenständige selbstorganisierte politische Erfahrungen möglich wären, fast klinisch gesäubert. Das korrespondiert mit einer immer deutlicher verschulten Uni, die die meisten Studierenden bereits nach drei Jahren wieder verlassen, um als super angepasste Arbeitskräfte in die Ausbeutungswelt entlassen zu werden.

Erosion politische Bereiche
Diese Eingebundenheit erodiert darüber hinaus auch die Bereiche, in denen selbstorganisierte antagonistische Jugendgruppen außerhalb der Schule oder der Uni Konflikterfahrungen sammeln könnten. Auf diese Erosion von Handlungsfähigkeit reagieren dann politische Bewegungen mit dem Gründen von Großgruppen a la attac und Interventionistische Linke, in denen es auf die Handlungsfähigkeit von Einzelnen und Kleingruppen überhaupt nicht ankommt, sondern stattdessen von Oben organisierte bequem konsumierbare Event-Kultur vorherrscht, und machen alles nur noch schlimmer. Zudem findet um die linke Blase etwas statt, was mit Post-Demokratiserung beschrieben wird, und die Sache auch nicht besser macht.

Nicht im Dreck versunken
Das Überraschende ist also nicht, dass eine Institutsbesetzung, die ihren Erfolg mit der arbeitsrechtlichen Wiedereinstellung eines Dozenten verknüpft, politisch scheitern wird. Das Überraschende ist, dass diese Sowi-Studierenden ohne jede ernstzunehmende Selbstorganisations- oder politische Konflikterfahrung nach x Tagen Besetzung noch nicht in ihrem eigenen Dreck versunken und alle frustriert nach Hause gegangen sind. Sondern das sich da so etwas wie selbstorganisierte Handlungsfähigkeit entwickelt, die man u.a. am großen Angebot der „Uni von Unten“, in den funktionierenden Entscheidungsfindungsstrukturen, der mehr oder weniger funktionierenden Selbstorganisation oder den regelmäßigen Konfetti-Werf-Flashmobs außerhalb des Instituts ablesen kann.

Temporär aus der Bologna-Welt ausgestiegen
Diese Fakten sind alles andere als trivial, sondern erklärungsbedürftig. Offensichtlich muss am Institut für Sozialwissenschaften etwas stattgefunden haben, was kreuzbrave Bildungsbürger_innentumskids erst auf die Barrikaden bringt, und sie dann auch noch entgegen jeder Wahrscheinlichkeit zumindest temporär befähigt, aus der Bologna-Welt auszusteigen.

Der Mensch in der Revolte
Interessanterweise findet sich in der 1951 erschienenen Essay-Sammlung „Der Mensch in der Revolte“ von Albert Camus Überlegungen zum Ablauf von Aufständen, die sich auf die Situation im Sowi-Institut anwenden lassen. Die Analyse, dass der Streik zum Scheitern verurteilt sei, lässt sich mit Camus einfach beiseite wischen, denn der Autor postuliert: „Jeder Aufstand ist irrational.“

Das Bewusstsein tritt zusammen mit der Revolte an den Tag
Anstatt der historisch-materialistischen Rahmenbedingungen interessiert Camus, was im Aufstand mit dem Menschen geschieht. Mit impliziten Verweis auf Kant sagt Camus: „Das Bewusstsein tritt zusammen mit der Revolte an den Tag“ (S.19). Das stellt Camus sich folgendermaßen vor: Er postuliert, dass alle Revolten zunächst reaktionär seien. In einer Revolte ziehen Subalterne eine Linie: „bis hierher und nicht weiter“ (S.17). Diese Linie verweise immer auf einen bisher als legitim wahrgenommen Unrechtszustand, den die Revoltierenden wieder herstellen wollen. „So sagt der Sklave im Aufstand gleichzeitig ja und nein. Er bestätigt mit der Grenze alles, was er jenseits von ihr vermutet und schützen will“ (ebenda).

Protestkultur wie im Absolutismus
Dieses Moment des Reaktionären findet man auch im Aufstand am Institut für Sozialwissenschaften (IfS). Seit Dezember 2016 macht der Holm-Fanclub unter den Studierenden dort absolut brav und nett Politik. Mit dem an Harmlosigkeit nicht zu überbietenden Schlachtruf „Unser Dozent ist so nett, wir wollen ihn behalten!“ sammeln Studierende Unterschriften. Wie im Absolutismus verfassen sie Petitionen und betteln darum, dass die Mächtigen sie bitte erhören mögen. Als dies nicht geschieht, und durchsickert, das Holm gefeuert wird, formt der universitäre Pöbel am 17.1.2017 wie schon zu Kaisers Zeiten einen Mob und zieht zum Akademischen Senat, um dort für die Aufrechterhaltung der bisherigen Ordnung zu protestieren. Die anschließende Pressemitteilung des Refrats setzt dem die Krone auf: man fordert dort de facto, dass die Präsident*in den Mob vor der bösen Polizei hätte schützen müssen, statt ihn auszuliefern.

Keine Herrschaftskritik
Von Herrschaftskritik keine Spur. Im Gegenteil: Die Studierenden fordern, dass die präsidentin Prof. Dr. Sabine Kunst bitte in ihrer quasi-göttlichen Weißheit die bisherige Ordnung aufrecht erhalten möge. Die dauerhaft abgesicherte ungleiche Verteilung des Zugriffes auf gesellschaftliche Ressourcen, welche Herrschaft ausmacht, wird explizit anerkannt und über die Narrative der Protestformen reproduziert.

Überschäumende Aktivität und Energie
Die Wende kommt erst am 18.1.2016. Gegen 13h ist alles noch ganz normal: In einer Pressekonferenz verkündet die Präsidentin zunächst unter den üblichen Buh-Rufen des Studie-Mobs den Rauswurf. Zwei Stunden später wiederholt Frau Kunst ihre Ansage im Institut für Sozialwissenschaften. Im Gegensatz zur Pressekonferenz herrscht hier bedrückte entsetzte Stille, bis eine Studierende den professoralen Sermon unterbricht, laut „Nein!“ sagt und einen Streik und eine Besetzung vorschlägt. Von einer Sekunde auf die andere springen die bisher kreuzbraven Sowis aus dem Bologna-System raus, begehen Hausfriedensbruch und legen die Seminare ihres Instituts lahm. Einfach so! Was uns erklärungsbedürftig erscheint, ist für Camus ganz einfach: „Am Ursprung der Revolte steht hingegen ein Prinzip überschäumender Aktivität und Energie“ (S.21).

Weg vom „Nein!“
In den nächsten Tagen radikalisieren sich die Forderungen der Studierenden immerhin aus dem hochschulpolitischen „Unser Dozent ist so nett, wir wollen ihn behalten“ zu rot-grünen stadtpolitischen Forderungen. Nach Innen geht die Radikalisierung hingegen noch weiter. Im Gegensatz zum Reformismus nach Außen setzt man sich selbst einen Maßstab, der eher an libertären Kommunismus grenzt: Gleichberechtigt, emanzipatorisch und ohne diskriminierendes Verhalten will man auf der Besetzung leben.

Die Revolte trägt über den Punkt einer einfachen Weigerung hinaus
Auch diesen Turn aus dem Reaktionären in etwas völlig Neues beschreibt Camus. „Im Augenblick, da er den demütigenden Befehl seines Oberen zurückweist, weist der Sklave auch sein Sklavendasein zurück. Die Bewegung der Revolte trägt ihn über den Punkt seiner einfachen Weigerung hinaus. Er überschreitet sogar die Grenze, die seinem Gegner gezogen, indem er jetzt als ein Ebenbürtiger behandelt zu werden verlangt.“ (S.18).

Revolte aus Solidarität
Weiter analysiert Camus, das Revolten selten aus direkter Betroffenheit ausbrechen. Sie brechen viel eher aus, weil ein Sklave beobachtet, wie ein anderer eine empörenden Befehl erhält: „Achten wir darauf, dass die Revolte nicht allein und notwendigerweise im Unterdrückten ausbricht, sondern dass sie beim bloßen Anblick der Unterdrückung eines anderen ausbrechen kann“ (S.20). Im weiteren zeigt Camus, dass diese Solidarität der eigentliche Wert hinter der Revolte sei. Die Revolte verweise auf den Wert der Solidarität und genau dieses Wirksamwerden des Wertes Solidarität bewirke den Kick aus dem Reaktionären ins Antagonistisch-Emanzipatorische.

Solidarischer Mikrokosmos
Folgt man dieser Überlegung, so sieht man, dass die Sowi-Studierenden sich zum einen nicht für sich selbst engagieren, sondern für einen Dozierenden, dem ihrer Meinung nach Unrecht geschehen sei. Und diese Anrufung des Wertes der Solidarität in ihrer Revolte bildet sofort das Bedürfnis aus, nach ihnen einen solidarischen Mikrokosmos erzeugen zu wollen.

Der Bruch mit dem Totalitarismus
Im Folgenden sei noch kurz gespoilert, wie der Essay weiter geht: Camus führt aus, das in der Solidarität auch die Begrenzung des humanistischen Charakters der Revolte läge. In dem Moment, wo die Revolte das Band der Solidarität verlasse, kippe sie ins autoritäre Morden. Die darin verpackte Kritik am real existierenden Sozialismus war 1951 so deutlich zu verstehen, das Camus und Sartre kein Wort mehr miteinander wechselten.

Revolte möglich, wo theoretische Gleichheit faktische Ungleichheiten verdeckt
Und so nett und selbstverständlich das mit der Solidarität 25 Jahre nach dem Ende des real existierenden Stasi-Regimes auch klingen mag, sei hier eine Warnung mit Camus Worten angebracht: „In der Gesellschaft ist der Geist der Revolte nur in den Gruppen möglich, wo eine theoretische Gleichheit große faktische Ungleichheiten verdeckt“ (S.24). Der heutigen Lesende*n kann es fast scheinen, als hätte Camus bei diesem Satz die mehrheitlich aus dem linksliberalen privilegierten Bildungsbürger*innentum stammenden Sowi-Studierenden der HU vor Augen gehabt.

Ich empöre mich, also sind wir
Am Ende seines Essays fasst Camus seine Überlegungen mit erneuten Bezug auf Kant zusammen: „Ich empöre mich, also sind wir“ (S.27). Und darin dürfte auch die tiefere Weisheit in Bezug auf die Besetzung des IfS liegen. Die protestierenden Studierenden sind jetzt wer. Sie haben in der Zeit der Besetzung eine selbstbewusste Kollektiv-Identität ausgebildet, die die Vereinzelung des herrschaftsförmigen Uni-Alltages zumindest punktuell mit Solidarität überwindet. Sie haben gelernt, Politik zu organisieren. Sie haben gelernt, Protest selbstorganisiert auf die Beine zu stellen. Sie haben gelernt, kollektiv handlungsfähig zu sein und Entscheidungen zu fällen. Und sie haben enormes Sozialkapital in Form direkter Kontakte, ausgetauschter Telefonnummern und diverser Orga-Chat-Groups gesammelt.

Spannung im Sommer
Das alles wird nach einer Räumung des Instituts nicht einfach weg und vergessen sein. Anbetracht der Kürzungspläne, die Präsident*in Kunst der Uni zur Zeit unter der euphemistischen Bezeichnung „Strukturreform“ angedeihen lassen möchte und der am hochschulpolitischen Horizont bereits dämmernden erneuten Bewerbung zur Exzellenz-Initiative darf man gespannt sein, wie es im Sommersemester weiter geht.

Mehr Infos:

Mehr Theoretisches Praktisch:
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Autonomie oder was Aristoteles und Autonome gemein haben:
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Facebook, Foucault und das Panoptikum:
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Der Europäische Mauerfall und der Macht-Begriff Hannah Arendts:
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