Streetart-Aktion zur Umbenennung der M-Street im Frühjahr 2016

Vergegenwärtigt man sich die Allgegenwart kolonialer Denkmuster im deutschen Diskurs, wundert es nicht, wie viel Widerstand sich gegen Initiativen regt, die versuchen, dies zu hinterfragen. Eines der beliebtesten Kampffelder ist die „Mohrenstraße“ in Berlin-Mitte. Die im 17. Jahrhundert entstandene Straße kreuzt die Friedrichstraße und passiert den Gendarmenmarkt, an ihrem westlichen Ende befindet sich eine U-Bahn Station mit gleichem Namen. Mit ihrer prominenter Lage ist sie Sinnbild für den Umgang mit rassistischen Überbleibseln aus der Kolonialzeit. In den letzten Jahren gab es verschiedene Initiativen zur Umbenennung. Dabei fanden auch immer wieder kreative Kommunikationsguerilla-Aktionen Anwendung, die hier betrachtet werden sollen.

Trigger-Warnung
Dieser Text analysiert rassistische postkoloniale Diskurse. Dabei werden zu Verständigungs- und Analysezwecken die sowohl rassistische als auch sexistische Ideologie- und Sprachfragmente dargestellt.

Unklare Ursprünge
Wie genau die Straße ihren Namen bekam, ist unklar. Doch manifestiert sich in im bis heute das Verständnis der damaligen Zeit, das den Begriff „Mohr“ parallel zum heutigen „N-Wort“ benutzte. Durch diese „N-Wort“ wurde das „M-Wort“ im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts zunehmend verdrängt. Die als „Mohren“ titulierten, aus den in Westafrika gelegenen Kolonien Verschleppten, wurden als Sklaven gehalten und als minderwertig und ausbeutungswürdig betrachtet. Dennoch halten bis heute viele es nicht für nötig, den Namen der Straße zu ändern. Vermutlich auch, weil so ein Zeichen gesetzt werden könnte, um eine Debatte über Postkolonialismus und Rassismus anzustoßen. Das lässt vermuten, dass eine Umbenennung (besonders des U-Bahnhofs) das Potential hat, die Debatte mit einer noch größeren öffentlichen Wirkung zu führen.

Immer wieder Auseinandersetzungen
Und siehe da: Genau das passiert auch immer wieder auf den Straßen Berlins. Zuletzt am 12. Mai 2016 benannten unerkannt gebliebene Nachtschwärmer*innen die M-Street in „Mandela-Straße“ um. Dabei verwendeten sie Hochglanzaufkleber, die Tonwert, Schriftart und Größe der originalen Straßenschilder nachahmten. Davon veröffentlichten die Gruppe, die sich „Mandela jetzt!“ nennt, zusammen mit einer Aktionserklärung ziemlich schicke Bilder.

Geschicktes Fotografieren
Die Bilder lassen vermuten, dass die Fotograf*in relativ viel Zeit auf das Finden geeigneter Motive verwendet hat. Und nicht einfach wild drauf los geknipst hat, wie das bei vielen linken Aktionen üblich zu sein scheint. Nicht so viel Mühe wurde in die Vermittlung der Aktion gesteckt. Die Gruppe setzte darauf, dass sich die Aktion gegenüber Passant*innen von Selbst vermittelt.

Verändertes Straßenschild in der M-Street 2014

Aktion „Hoppelhase“
Eine andere Gruppe, die sich „Hoppelhase“ nannte, benannte am 28.1.2014 ebenfalls die M-Street um. Dabei ergänzten sie die vorhandenen Straßenschilder mit jeweils zwei Punkten über dem Buchstaben O, sodass die Straße nun „Möhrenstraße“ hieß. Das Problem mit der direkten Vermittlung an Passant*innen löste die Gruppe, indem sie auch noch mit offiziellen Logo versehende und im offiziellen Tonfall gehaltene erklärende Schilder an die Masten der Straßenschilder hing.

Gefälschte Stadt-Labels
Der Text der offiziell aussehenden Schilder lautete dabei: „Berlin war bis 1918 die Hauptstadt des deutschen Kolonialreiches. Diese gewaltvolle Vergangenheit ist bis heute in der Stadt präsent. Auch die „Mohrenstraße“ ist Zeugnis davon. Von Berlin ausgehende Aggression beraubte Menschen ihres Landes und Besitzes, ihrer Freiheit und ihres Lebens. Nach Berlin kamen kolonial geraubte Güter, Kunstschätze, sowie Menschen, die als Zwangsarbeiter und „Zooattraktion“ versklavt und verschleppt wurden.“

Verweis auf die Sklaverei
Um mit dem Fake-Schildern den Druck auf die Verantwortlichen zu erhöhen, bringen die Aktivistis danach die Stadt Berlin ins Spiel: „Mit der Umbenennung der Straße möchte sich die Stadt dieser Verantwortung stellen. Dieses Gedenkschild erinnert an die kolonialen Verbrechen Deutschlands und Berlins, deren Auswirkungen sich auch in der „Mohrenstraße“ wiederfinden, in der im 18. Jahrhundert versklavte Minderjährige aus Afrika lebten.“

Kein neutraler Begriff
Danach nehmen die Schilder eine mögliche Entgegnung von Kritiker*innen der Aktionen taktisch clever vorweg: „Der Begriff „Mohr“ ist kein neutraler Begriff, sondern eine rassistische und abwertende Kennzeichnung von Schwarzen Menschen. Als Konstrukt und Projektionsfläche der europäischen Phantasie, die AfrikanerInnen als dumm, kultur- und geschichtslos darstellt, verweist er auf die Geschichte von Sklaverei und kolonialer Herrschaft Deutschlands.“

Occupy Mohrenstraße
Was passiert, wenn man solche Umbenennungen tagsüber macht, zeigt ein Mobi-Video der Kampagne Occupy Mohrenstraße aus dem Jahr 2014. Die eigentliche Aktion ist eine als Picknick poppig gemachte Kundgebung auf dem Platz mit den ganzen Generals-Statuen bei der U-Bahn-Station. Und um darauf aufmerksam zu machen, muss ja heutzutage ein Mobi-Clip her. So gewöhnlich, so langweilig. Aber was die Leute der Kampagne dann machen ist spannend. Den für ihr Video machen sie ne echte Aktion. Mit passend ausgedruckten und zusammengeklebten Überklebern verbessern sie mitten am Tag die U-Bahn-Stationsschilder in „Nelson-Mandela-Str.“. Zur Vermittlung kleben sie Poster in der Station und verteilen Flyer an die Passant*innen. Und siehe da: Auf einmal lesen Leute Flyer…

Pink Rabbit 2009: Straßentheater und Sachbeschädigung vor laufender Kamera

Pink Rabbit
Mehr auf die virale Wirkung cooler Videos und Bilder setzte die Aktion „Pink Rabbit“ der Naturfreundejugend 2009. Damals zog die Naturfreundejugend mit einer Person im lustigen pinken Hasenkostüm als Eyecatcher rund Sympathieträger*in in die U-Bahnstation Mohrenstraße ein. Unter den Blicken der Passant*innen veränderte der Hase die Stationsschilder durch hinzufügen zweier Punkte passend für einen Hasen zu „Möhrenstraße“. Parallel dazu gabs einen Videodreh und Verbündete des Hasen verteilten Flugblätter an die Passant*innen. Später wurde das ganze an den Straßenschildern wiederholt (…mehr dazu auf der Kampagnen-Seite).

Umbenennungsaktion 2004

Historischer Vorläufer
Die Aktion hat übrigens einen historischen Vorläufer. Bereits Ostern 2004 nutzte eine Gruppe namens „gemuesehaendlerInnen“ den Narrativ des Hasen und der Möhre, um während einer Performance Aufmerksamkeit für ihre Flugblätter zu erzeugen.

Antikolonialer Stadtspaziergang 2004
Überhaupt 2004. Zur 120. Wiederkehr der „Berliner Konferenz“ ging es auch in der M-Street hoch her. Anlässlich eines „antikolonialen Kongresses
(eine kritische Rückschau findet sich → hier ← ) fand auch ein „antikolonialer Stadtrundgang“ statt.

Aktionsralley durch die Stadt
Bei der offensichtlich offen angekündigten Tour ging es richtig zur Sache. Erst schnell mal ne Kundgebung in der M-Street und dann die U-Bahn- und Straßenschilder in „Mary-Ayim-Straße“ geändert. Dann kurzer Kundgebung-Abstecher in die Wilhelmstraße und am ehemaligen Reichskolonialamt ne provisorische Gedenkplatte angepappt. Weiter zur Charité. Dort das Denkmal für Robert Koch mit seiner Kolonialvergangenheit kontextualisiert und mit Kritik am sogenannten „Alterstest“ der Charité, der Abschiebungen legalisiert, verbunden.

Aktion im Supermarkt
Kurzer Umweg durch einen EDEKA (ursprünglich Einkaufsgemeinschaft deutscher Kolonialwarenhändler) und mit neuen Etiketten Kaffee und Schokolade als „Kolonialwaren“ ausgezeichnet. Über die Ziellinie geht’s im sog. Afrika-Viertel im Wedding. Hier wird die „Petersallee“ in „Wittboi-Allee“ umbenennen. Die Morgenpost zürnte noch Tage später „Noch drei illegale Schilder an der Mohrenstraße“.

Sprechende Statuen
Auch mit den Statuen der Generäle ist schon Schabernack versucht worden. Eine Aktionsgruppe namens „Kein Platz für Rassismus!“ klebte im Frühjahr 2016 Poster mit Vermittlung auf Laternenpfähle, und änderte Straßen- und U-Bahn-Schilder in „Audre Lorde Straße“ verändert. Um den optischen Eindruck der Aktion noch zu verstärken, knöpften sie sich auch noch die Generals-Statuen vor. An diesen brachten sie Spruchblasen an, die den Eindruck erweckten , de Generäle Sätze in den Mund zu legen. Etwa „Wennse mich fragen, könnse Preußens koloniale Selbstherrlichkeit jetrost abmontiern.“ oder „Rassismus ist in Ordnung, wenn er historisch ist?“ Leider gibt’s davon keine Bilder, weil der Aufräumdienst oder Aktiv-Bürger*innen schneller waren. Dafür gibt’s auf Indy einen lohnenden Auswertungstext der Gruppe.
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Eine Aktion fehlt?
Wenn irgend eine bemerkenswerte Aktion fehlt, bitte nicht böse sein, sondern Link, Bilder, Text bitte einfach unten in den Kommentaren posten.

Mehr Infos:

Straßenumbenennung in der M-Street:
http://maqui.blogsport.eu/2016/05/12/b-antirassistische-strassenumbennenung-in-mitte/

Postkolonialismus oder was das Früher mit Heute zu tun hat:
http://maqui.blogsport.eu/2016/05/31/postkolonialismus-oder-was-das-frueher-mit-dem-heute-zu-tun-hat/

Ist Wissenschaft ohne Afrikaner*innen rassistisch? Eine Annäherung mit Herfried Münkler und Pierre Bourdieu:
http://maqui.blogsport.eu/2015/09/07/ist-wissenschaft-ohne-afrikaner-rassistisch-und-sexistisch/