Adbusting-Aktion beim Berliner Polizeipräsidenten

Mit dem Buch „Politik“ von Aristoteles werden Studierende bis heute gequält. Angesichts der rassistischen, sexistischen und autoritätshörigen Scheiße in dem Buch fragen sich viele: „Warum ?“ Die Standard-Antwort ist dann, das viele Teile des neuzeitlich-westlichen Denkens von Aristoteles schon um 320 v. Chr. vorweg genommen wurden und noch heute unsere Weltsicht prägen. Das mag richtig sein, doch darüber hinaus findet sich in wichtige Ansätze für emanzipatorisches Denken. So geht der Autonomie-Begriff der heutigen Linksradikalen auf Aristoteles zurück (beispielhaft sei hier eine Adbusting-Aktion beim Berliner Polizeipräsidenten aufgezeigt).

Politik oder das Politische?
Ein wichtiger Übersetzer*innenstreit dreht sich um den Titel des Buches. Heißt es „Politik“, oder „Über das Politische“, oder „der Staat“ oder explizit „über die Polis“? Nimmt man wie Hannah Arendt an, dass die richtige Übersetzung „Das Politische“ heißen müsste, so verhandelt das Buch das zustande kommen von Gesellschaft.

Der oikos
Tatsächlich liefert gerade die rassistische und sexistische Eingangspassage dafür Indizien. Aristoteles fragt hier, wie eigentlich „das Politische“ zustände käme. Hierbei unterscheidet er den Haushalt (oikos) vom „politischen“ (polis). Quasi von Natur aus müsse im Haushalt „das von Natur aus Denkende“ auch das „von Natur aus Herrschende sein“ (alle Zitate nach der Reclam-Ausgabe). Wäre das nicht so, ginge die ökonomische Reproduktion den Bach hinunter. In Verklärung der damaligen Herrschaftsverhältnisse naturalisiert Aristoteles diese und schreibt dann die Rolle des „von Natur aus Denkendem“ dem griechischen Mann zu und spricht es Frauen ab. Das angeblich „von Natur aus Dienende“ wird den Nicht-Griechen zugeschrieben. Dies gipfelt in der Aussage „Es gehört sich, das die Griechen über die Barbaren herrschen, weil Sklave und Barbar dasselbe sind. Und weil eine andere Weltordnung in Aristoteles Weltsicht die ökonomische Reproduktion bedroht, erklärt er in schönster Privilegiert*innenmanier: „Und deshalb ist dem Herrn und dem Sklaven dasselbe von Nutzen“.

Das Gute Leben
Soweit, so schlecht. Doch warum ist das für eine emanzipatorische Politik von Nutzen? Aristoteles fährt weiter fort, dass diese Haushalte „selbstgenügsam“, also autonom seien. Und mit der Autonomie der Haushalte seien auch die Haushaltsvorstände autonom. Diese hätten nun Zeit, sich „des guten Lebens“ anzunehmen.

Öffentlich vs. Privat
Hier entsteht nebenbei die Teilung zwischen Öffentlich und Privat, die seid der frühen Neuzeit das Selbstverständnis des Bürger*innentums prägte. Den der Haushalt ist nach Aristoteles archaisch, brutal, der Herrschaft des denkenden griechischen Mannes unterworfen, weil es bei der Haushaltsführung um das Überleben der Haushaltsmitglieder ginge. So etwas wie Moral, Gerechtigkeit, Tugend… entstünde erst im Politischen, wo mann sich Gedanken über „das gute Leben machen“ könne.

Autonomie als Voraussetzung für das „gute Leben“
Dieses „gute Leben“ ist nach Aristoteles der Zweck und der Grund des Politischen. Dieses Diskutieren und Entscheiden, was das „Gute Leben“ sein soll, sei allerdings nur den selbstständigen autonomen Männern möglich, da diese sich nicht durch die Notwendigkeiten des Überlebens abgelenkt oder erpressbar seien. Erst durch die Autonomie ihrer despotischen, rassistischen und sexistischen Haushalte könnten die Bürger gleichberechtigt zusammen Politik machen.

Gegen Machtgefälle
Und dieser Gedanke ist aus einer emanzipatorischen Perspektive spannend. Gleichberechtigung setzt Autonomie voraus (einigen dürfte an dieser Stelle auffallen, dass das ein Grund sein könnte, warum in linksradikalen Zusammenhängen größtenteils relativ gut gepolsterte Bildungsbürger*innentumskiddis sitzen…). Nur wenn es kein Machtgefälle zwischen den Beteiligten gibt, ist eine gleichberechtigte Kommunikation möglich.

Aristoteles als Anti-Demokrat
Und dieser Gedanke ist ein scharfes Schwert. Im Kapitalismus kommen ständig Leute zusammen, die nicht gleichberechtigt sind, wie z.B. Mieter*in und Vermieter*in, Arbeitnehmer*in und Arbeitgeber*in, staatlich bezahlte Gewalttäter*innen und normale Leute, usw. Und die demokratische Ideologie tut dann so, als könne sie mit Rechtsstaat und Parlamentarismus diese Machtgefälle verwischen. Aristoteles hätte dazu gesagt: „Quatsch. Zwischen Subalternen und Besitzenden kann es keine Gleichheit geben“ und allen heutigen Demokratietollfinder*innen den Vogel gezeigt.

Konsequenzen für die emanzipatorische Praxis
Doch wenn man den alten Aristoteles an dieser Stelle ernst nimmt, hat das auch Konsequenzen für die emanzipatorische Praxis. Aristoteles nimmt an, dass gleichberechtigte Kommunikation nur zwischen „Gleichen“ ablaufen kann. „Gleich“ bedeutet hier, dass sie nicht „ohne Herd“, also Haushalt, sind. Denn der Haushalt ist in Aristoteles Vorstellung der Schlüssel zur Autonomie. Und ohne diese Autonomie sei gleichberechtigte Kommunikation nicht möglich.

Autonomie als Schlüsselbegriff
Folgt man Aristoteles hier, dann wird Autonomie ein Schlüsselbegriff für emanzipatorische Politik. Wenn wir gleichberechtigt und hierarchiefrei miteinander umgehen wollen, müssen wir es schaffen, das wir, unsere Clan-Members und unsere Verbündeten sich trotz Kapitalismus keine oder wenig Sorgen um ihre ökonomische Reproduktion machen müssen.

Kapitalismus zerstört Autonomie
Wie sehr Aristoteles ins Schwarze trifft, zeigt die Entwicklung des Kapitalismus in den letzten 300 Jahren. Beispielhaft zeichnet diese Entwicklung u.a. Robert Kurz in seinem „Schwarzbuch Kapitalismus“ nach. Das Buch erzählt im Prinzip, wie kapitalistische Verwertung im Laufe der Zeit auf immer mehr Lebensbereiche übergreift. Die direkte Folge davon ist für die Betroffenen jedes Mal ein Verlust an Autonomie und direkte Abhängigkeit von marktförmigen Verwertungsprozessen. Aktuelle Prozesse in diese Richtung dürften die Flexibilisierung des öffentlichen Dienstes, das Gehetze der Entwicklungszusammenarbeit gegen „Subsistenz“-Wirtschaft oder die Verbreitung von Hybrid-Saatgut in der Landwirtschaft sein. Die Quintessenz ist, dass immer mehr Leute ihre relative ökonomische Autonomie verlieren, nichts mehr haben, als ihre Arbeitskraft zu Markte tragen zu müssen, und indirekt von politischer Beteiligung oder gar Selbstständigkeit ausgeschlossen werden.

Ungeahnte Aktualität
Schaut man sich aber an, wie die De-Regularisierung des Arbeitsmarktes und die Prekarisierung der Lebensverhältnisse die ökonomische Reproduktion (auch der linksradikalen Bildungsbürger*innentumskiddis…) verunsichert, bekommen Aristoteles Überlegungen ungeahnte Aktualität. Bei der Frage, wie heute ganz praktisch für linksradikale Gruppen die Entwicklung und Sicherstellung einer Autonomie klappen kann, hilft Aristoteles leider nicht weiter. Aber irgendwas müssen wir ja auch noch selber machen. Und schaut man sich die bisherigen Ideen wie Hausprojekte, Nutzer*innengemeinschaften, Food-Coops, Rote Hilfe, gemeinsame Aktionsplattformen usw. usw. usw, usw, an zeigt sich, das wir seit 320 v. Chr. Auch nicht untätig waren.

Mehr Infos:

Die Adbusting-Aktion am Berliner Polizeipräsidium, von der die Fotos stammen:
http://maqui.blogsport.eu/2016/09/21/b-korrigierte-wahlplakate-vor-dem-polizeirevier-am-tempelhofer-damm/

facebook, Foucault und das Panoptikum:
http://maqui.blogsport.eu/2015/11/04/facebook-foucault-und-das-panoptikum/

theoretisches praktisch:
http://maqui.blogsport.eu/theoretisches-praktisch/

Symbolischer Interaktionismus, oder warum die Polizei Gewalttäter*innen am Transparent erkennen kann:
http://maqui.blogsport.eu/2015/09/07/warum-die-polizei-gewalttaeterinnen-am-transparent-erkennen-kann/

Der europäische Mauerfall 2015 und Hannah Arendts Machtbegriff:
http://maqui.blogsport.eu/2015/10/01/der-europaeische-mauerfall-und-der-macht-begriff-hannah-arendts/