Dada gilt vielen als ein Ursprung vieler Aktionstechniken der heutigen Kommunikationsguerilla. Geschichtsinteressierte Kommunikationsguerill@s könnten deshalb die beiden Kunstausstellungen in der Hauptstadt mit Exponaten der Dada-Künstler*innen interessieren. Gerade die Zusammenschau könnte interessant sein, da die eine Ausstellung eine Fan-Veranstaltung ist und die andere zumindest versucht, aus einer bürgerlich-bescheuerten Perspektive eine kritische Distanz einzunehmen.

Lange genug tot sein
Wenn man Kunst oder Politik macht, muss man nur lange genug tot sein, und alle finden einen toll. Diese banale Weisheit beweist der Hype um 100 Jahre Dadaismus, der im Jahr 2016 durch die Kunstwelt geistert. Genau die bürgerlichen Milieus, die die Dadaist*innen zu Lebzeiten u.a. wegen ihrer aus Müll und und Unrat bestehenden Skulpturen mit dem immer noch zutreffenden Namen „Deutschland“ am liebsten gelyncht hätten, feiern heute den Dadaismus als den ganz großen Wurf der Kunstgeschichte am Beginn des 20. Jahrhunderts. Auf Klug heißt das dann: „Dada wird 100 Jahre alt. Mit ihren künstlerischen Artikulationen prägten die Dadaisten maßgeblich die Kunstentwicklung im 20. Jahrhundert“.

Zwei Dada-Ausstellungen in Berlin
Und so beehrt die Kunst- und Kulturwelt den Berliner Hauptstadt-Pöbel zur Zeit mit zwei Ausstellungen zum Thema „Dada“. In der Berlinischen Galerie ist noch bis zum 7.11. die Ausstellung „Dada Afrika- Dialog mit dem Fremden“ zu sehen. Und im Verlags-Gebäude am Franz-Mehringplatz, das sich die Tageszeitung „Neues Deutschland“ mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung teilt, ist vom 1.11. bis zum 18.12. die Ausstellung „Montage 2016“ zu sehen. Diese beschäftigt sich mit dem Wirken von George Grosz und John Heartfield.

Die Erfindung der Collage
Heartfield und Grosz werden im Kunstunterricht deutscher Gymnasien heutzutage vor allen gefeiert, weil sie als Erfinder der „Collage“ gelten. Wenn man die Kids einfach schnippeln und mit Klebe rummachen lässt, hat man als Leerkraft den Rest der Lehreinheit seine Ruhe. Und Grundschüler*innen lassen sich beim Lesen lernen super mit dem Lautgedicht „Karawane“ von Hugo Ball amüsieren. Insofern kann man den Verdienst der Dadaist*innen nicht hoch genug einschätzen. Doch das Prinzip des „Snipings“ und Neu Kombinierens von Versatzstücken ist auch grundlegend für viele Formen der heutigen Kommunikationsguerilla ( → was ist Kommunikationsguerilla? ← ).

Zeitgenössische Nazi-Gegner
Darüber hinaus waren Grosz und Heartfield überzeugte Gegner der Nationalsozialist*innen ((was ja unter Deutschen und besonders deutschen Künstler*innen eine Ausnahme darstellt) auch wenn es dann an ihrem Lebensabend mit der Subversion der Macht nicht mehr all zu ernst nahmen, und sich auch nach dem Aufstand von 1953 vom SED-Regime mit Professoren-Titeln kaufen ließen). Zu Ehren der beiden werden nun im Verlagshaus am Mehrungdamm Werke der beiden aus der aus heutiger Perspektive unproblematischen Dekade zwischen 1920 bis 1930 gezeigt und ein umfangreiches Begleitprogramm angeboten.

Koloniale Beziehungen in der Kunst
Das bei einer Kunst-Sekte wie der „Dada-Bewegung“ nicht nur subversive Antiautoritäre und Antifaschist*innen mitgemacht haben, sondern auch allerlei reaktionäre und verschallerte Kunst-Spinner*innen zeigt hingegen eine Ausstellung in der Berlinischen Akademie. Diese Ausstellung mit dem unmöglichen postkolonialen Titel „Dada Afrika- Dialog mit dem Fremden“ versucht der Frage nachzugehen, woher die Dada-Knallis eigentlich ihre Anregungen hatten. Und siehe da: X-prozent der Ideen zur Störung der Seegewohnheiten sind geklaut von anderen Leuten aus der Peripherie und dann hier marktförmig in Wert gesetzt worden. Auf Klug heißt das: „Die Schau zeigt, wie sehr sich die Dadaisten auf nicht-westliche Ausdrucksformen bezogen, um neue Wege zu beschreiten.“

Stumpfes Hinterfragen
Wie wenig politisch viele Dadas und wie stumpf das „Hinterfragen“ der Umgangsformen bliebt, zeigt schon das oben erwähnte Lautgedicht „Karawane“. Die Ansammlung von als „unzivilisiert“ und „wild“ Stammellauten, die den gängigen Lyrikbegriff stören soll, heißt orientalisierend „Karawane“. Und nicht „Deutsche Polizei“ oder „Deutsche Universität“ oder „Parlament“, obwohl ähnliche Gaga-Laute auch dort vorkommen könnten.

Ungebrochene koloniale Tradition
Heutige Leerkräfte setzen den Text mit ungebrochener kolonialer Tradition noch heute selbstverständlich zum Lesen lernen ein. Wie weit diese ungebrochene koloniale Tradition reicht, zeigt auch, dass die Ausstellung wie selbstverständlich „afrikanischen, asiatischen, amerikanischen und ozeanischen Artefakte“ unter dem Oberbegriff „Afrika“ zusammen fasst, und diesem Konstrukt in guter deutscher Tradition den Begriff „Fremde“ zuweist.

Schwacher Disclaimer
Auch ein „Die Ausstellung beschreibt eine historische Situation. Insofern werden rassistische und kolonialistische Termini wie „primitiv“ oder „nègre“ in der Schau allenfalls als historisches Zitat in Anführungsstrichen verwendet. Die Begriffe wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Gesellschaften in Afrika, aber auch Ozeanien projiziert, die als ursprünglich empfunden wurden“ im Ausstellungskatalog macht die Sache nicht besser.

Überraschungen zu erwarten
Auch wenn zu erwarten ist, das die Fans vom Mehringplatz ihre Idole eher unkritisch abfeiern werden, lohnt sich die Ausstellung vermutlich. Die dort zu sehenden politischen Grafiken dürften über die Zeit hinaus Gehalt haben. Und auch wenn die Berlinische Galerie sich mit dem Titel ihrer Ausstellung bestens in der postkolonialen Museums-und Kulturlandschaft der ehemaligen Reichshauptstadt positioniert, dürfte die Fragestellung nach den Inspirationen von Dada die ein oder andere Überraschung bereit halten.

Facts zur Grosz-Heartfield-Ausstellung
Die Grosz-Heartfield-Ausstellung ist ab dem 1.11. geöffnet Di./Mi./Fr. 16:00 – 20:00 und Sa./So. 12:00 – 18:00 und wirbt mit pöbelfreundlichem freien Eintritt. Darüber hinaus gibt ein umfangreiches Begleitprogramm. Immer Dienstags, um 19.00 Uhr, finden im Zeitraum der Ausstellung und thematisch passende Veranstaltungen statt. Der Eintritt ist auch hier pöbelfreundlich-frei. So ist am Dienstag, den 1.11. die Eröffnung (auf Klug: „Vernissage“). Am 8.11. geht’s um Satire vor Gericht, was ja aktueller nicht sein könnte. Am 15.11. darf das Peng!-Collective ein bisschen harmlose aber poppige Revolutionsromantik versprühen.

Facts zur Dada Afrika-Ausstellung
Die Dada Afrika-Ausstellung in der Berlinischen Galerie ist nur noch bis zum 7.11. Mittwoch–Montag 10:00–18:00 Uhr zu sehen. Der Eintritt liegt bei nicht so pöbelfreundlichen 10 Euro (ermäßigt immer noch saftige 7 Euro). Dafür ist am letzten Tag der Ausstellung (Mo. 7.11.) reduzierter Eintritt von 6 Euro. An diesem Tag ist um 14h auch eine im Eintritt enthaltende Kurator*innen-Führung. Um 16h gibt’s das Ganze dann nochmal auf Englisch. Und am Sonntag, den 6.11. um 14h lässt sich die Galerie sogar dazu herab, eine Führung mit Blick auf den postkolonialen Probleme der Ausstellung anzubieten.

Mehr Infos:

Über das Verhältnis von Kunst und Politik beim Adbusting:
http://maqui.blogsport.eu/2015/11/20/das-verhaeltnis-von-kunst-und-politik-beim-adbusting/

Rezension zur Ausstellung „Die Wölfe sind zurück“:
http://maqui.blogsport.eu/2016/08/26/die-woelfe-sind-zurueck-kommentar-zum-kunstprojekt/

Wie gefährlich kann Straßenkunst sein?
http://maqui.blogsport.eu/2016/03/16/b-wie-gefaehlich-kann-street-art-sein/

Was ist Kommunikationsguerilla?
http://maqui.blogsport.eu/2016/06/16/was-ist-kommunikationsguerilla/

Postkolonialismus, oder was das Jetzt mit dem Heute zu tun hat:
http://maqui.blogsport.eu/2016/05/31/postkolonialismus-oder-was-das-frueher-mit-dem-heute-zu-tun-hat/