Oberwolf
Das Kunstprojekt „Die Wölfe sind zurück?“ des Künstlers Rainer Opolka tourt momentan durch Deutschland. Opolka möchte damit Hass und Gewalt, die in Rassismus münden, thematisieren. Der Künstler steckt in seinem zur Ausstellung herausgebrachten Begleitheft hohe Ziele, denen er leider nicht im Geringsten gerecht werden kann. Zusätzlich sind seine Texte gefährlich lückenhaft und kehren staatliche Verstrickungen in die NSU-Morde komplett unter den Teppich.

Wolfsrudel auf Deutschlandreise
Auf dem Washingtonplatz vor dem Berliner Hauptbahnhof konnte man vom 5. bis zum 16. August ein Rudel Wölfe besichtigen. Allerdings keine lebendigen, sondern 66 aus verschiedenen Metallen gegossene Exemplare. Sie sollen in 8 verschiedenen Darstellungen und mit verschiedenen Titeln versehen, jeweils in mehrfacher Ausführung vorhanden, symbolisch für verschiedene Menschengruppierungen mit rechter Gesinnung stehen.
Dresden, Potsdam und Berlin wurden bereits von einem metallenen Wolfsrudel besucht. Geplant ist eine deutschlandweite Tour, mit Bremen, Hamburg, Düsseldorf oder Köln als möglichen nächsten Stationen. Sobald kommende Termine feststehen, wird das sicherlich auf der offiziellen Webseite oder auf der Facebook-Seite zum Projekt zu finden sein.

Wölfe bitte nicht füttern!

Hochtrabende Ziele
Auf der Webseite zur Ausstellung ist in einem Einleitungstext zur Eröffnung der ersten Station in Dresden und ebenso im Impressum des gedruckten Begleitheftes klar formuliert, was das Ziel der Ausstellung ist: Sie soll unter anderem beantworten, was passiert, wenn „Formen der Ordnung und des Zusammenhalts zerbrechen“, „moralisch-ethische Regeln ihre Gültigkeit verlieren“, „Staaten, der inneren Verrohung folgend, auch nach außen aufrüsten und aggressivere Töne anschlagen würden“. Es sollen also die Folgen von Entwicklungen in eine rechte/rechtsradikale Richtung geklärt werden. Dieser Selbstanspruch wird allerdings nicht erfüllt und zudem weisen die präsentierten Inhalte beträchtliche Lücken auf.

Das Problem der Umsetzung
Zunächst einmal zerstört die Art der Präsentation der Ausstellung ihre Wirkung. Die Skulpturen, die an sich erstmal durch Körperbau und Pose bedrohlich wirken und an typische Darstellung von Werwölfen erinnern, verlieren an Ausdrucksstärke, da sie an belebten, öffentlichen Plätzen positioniert werden, an denen sie sich durch das viele Geschehen drumherum nicht stark genug hervorheben, sondern im allgemeinen Trubel untergehen. Zusätzlich leidet der Eindruck von Bedrohlichkeit unter Absperrseilen, die die BesucherInnen von den Skulpturen trennen. Im Begleitheft ist erwähnt, dass die Möglichkeit besteht, die verschiedenen Skulpturen recht variabel zu positionieren. Die Aufstellung zum Zeitpunkt meines Besuchs war allerdings nicht förderlich für den Bedrohungseindruck, da sie lose in verschieden strukturierten Grüppchen herumstanden und nicht beispielsweise in einem großen Kreis um den Betrachter, sodass ein Gefühl der Einkesselung hätte entstehen können.

Beim ersten Eindruck der Ausstellung scheint es, als gäbe es kaum inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus und Rassismus. Allerdings liegt ein Begleitheft aus, in dem mehrere Texte zu finden sind. Das kann interessierte BesucherInnen vorerst positiver stimmen. Liest man dieses Heft, schwindet diese Stimmung jedoch schnell wieder.

Sprungwölfe

Eine Portion Mitleid für Nazis
Opolka versucht, in seinen Texten eine Begründung für das Aufkommen rechtsradikaler Gesinnungen zu liefern. Die Argumentation haut in die altbekannte Kerbe, dass „verunsicherte Existenzen“, ängstliche, sozial benachteiligte Menschen von Rechtsradikalen instrumentalisiert werden. Das ist mehr als problematisch. Es gleicht Täterschutz, diesen Menschen ihre Mündigkeit und damit die Verantwortlichkeit für ihre Gesinnung und daraus resultierende Taten abzusprechen. Außerdem stellt sich die Frage, woher dann diese Rechtsradikalen, die die zu bemitleidenden sozial Schwachen instrumentalisieren, ihre Gesinnung haben.
Die entsprechende Wolfsskulptur mit dem Titel „Mitläufer“ passt auch nicht zu dieser Erklärung, dass jene Menschen durch „kommerzielle Massenkultur“ gleichgeschaltet wurden, lediglich instrumentalisiert und doch eigentlich nur arme Menschen, die Angst haben, sind. Die entsprechende Skulptur ist ein Wolf, der mit angriffslustig aufgerissenem Maul zum Sprung anzusetzen scheint. Wo ist in dieser Darstellung die Verunsicherung, die Angst?

Ansonsten arbeitet das Begleitheft viel mit Zahlen und liefert reine Fakten, wie die Anzahlen der Mordopfer rechter Gewalt, der Likes bestimmter auf Facebook veröffentlichter rechter Inhalte und Bildern von ebendiesen Inhalten. Diese Informationen tragen aber absolut nichts zu den angeblich durch die Ausstellung und das Begleitheft beantworteten Fragen bei.

NSU-Wolf

Vertuschungsversuche bezüglich NSU gehen in die nächste Runde
Richtig haarsträubend wird es, wenn man zu den kurzen Texten zum NSU im Heft gelangt. Dort wird wieder lediglich mit einer Aufzählung verschiedener konkreter Taten mit dazugehörigen Jahreszahlen um sich geschmissen, gefolgt von einem kurzen Abriss, der die Rolle und Taten des stellvertretenden Landesvorsitzenden und Pressesprechers der NPD Thüringen und Vorsitzenden des Kreisverbandes der NPD Jena, Ralf Wohlleben, skizzieren soll. Und das wars.

Jegliche Verstrickungen des Verfassungsschutzes, also einer staatlichen Institution, sowie die damit zusammenhängenden Vertuschungen wie Aktenschreddern oder Vorenthaltung vollständiger Akteneinsicht seitens der Bundesanwaltschaft im Verlauf der NSU-Prozesse werden gänzlich verschwiegen. (Wer sich zu diesem Thema nicht hinreichend informiert fühlt, möge hier ab Punkt 3, hier ab Punkt 4 oder hier nachlesen. Wer noch genauer interessiert ist, kann sich die ganze Homepage von NSU Watch zu Gemüte führen.) Hätte man einen inhaltlich vollständigen und wahrheitsgetreuen Text dazu verfasst, gäbe es aber eben nicht so ein schickes „Grußwort“ vom Berliner Bürgermeister, Michael Müller.

Unterwolf folgt Oberwolf

Fazit: Fragwürdige Motivationen des Künstlers
Ob man sich lieber zu Publicityzwecken mit Worten amtierender Politiker schmückt oder eine inhaltlich gute, vollständige und realistische Darstellung bezüglich rechter Entwicklungen, Gruppierungen und Motivationen bietet, bleibt natürlich dem Künstler überlassen. Dieser Künstler hat sich entschieden und einem drängt sich dadurch das Urteil auf, dass es dem Künstler nur darum ging, ein Thema zu finden, das medienrelevant genug ist, um sicherzugehen, thematisiert zu werden, ohne auch nur wenigstens dem selbstformulierten Anspruch gerecht zu werden.
Wer also in einer der noch folgenden Städte lebt oder zum entsprechenden Zeitpunkt dort zu Besuch sein wird, kann sich selbst einen Eindruck verschaffen. Sobald kommende Termine feststehen, werden sie sicherlich auf der eigenen Homepage und/oder auf Facebook angekündigt werden. Eine weitere Anreise nur zum Zweck des Besuchs der Ausstellung wirkt allerdings kaum lohnenswert.

Übrigens ebenfalls spannend ist es, sich die Reihe der Sponsoren des Kunstprojektes anzuschauen. Dort ist unter anderem die Flick Stiftung zu finden.
Diese hat sich einerseits durch verdeckte Parteispenden einen Namen gemacht.
Andererseits wäre das heutige Vermögen ohne früheres Enteignen jüdischer Geschäfte, Einsetzen von Zwangsarbeitern aus Konzentrationslagern und schließlich Verweigern der Beteiligung am Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter zu Zeiten des Nationalsozialismus in Deutschland in anderer Höhe anzusiedeln.

Jede Verwendung von Anführungszeichen im Text bedeutet, dass der entsprechende Text aus dem Begleitheft zitiert ist.

Mehr Infos:
Was ist Nationalismus?
http://maqui.blogsport.eu/2015/09/30/was-ist-nationalismus/

Adbusting gegen Bärgida und Asylrechtsverschärfung:
http://maqui.blogsport.eu/2016/02/03/adbusting-aktionen-gegen-baergida-und-rassismus/

Adbustings gegen Einheitsfeier:
http://maqui.blogsport.eu/2015/10/04/berlin-adbusting-zur-einheitsfeier/

Postkolonialismus oder was das Früher mit Heute zu tun hat:
http://maqui.blogsport.eu/2016/05/31/postkolonialismus-oder-was-das-frueher-mit-dem-heute-zu-tun-hat/