Anlässlich des Stadtfestes „Kieler Woche“ simulierten Öko-Chaot*innen in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt eine PR-Aktion des Kreuzfahrt-Konzerns „Aida“. Als vermeintliche Mitarbeitenden der Firma brachten sie direkt am Liegeplatz der Reederei vermeintliche Rabattflyer unter die Leute, um auf Umweltverschmutzung durch touristische Schifffahrt aufmerksam zu machen.

Tourismus…
Kiel ist die Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein. Das ist ein Bundesland, dass erst hinter Hamburg anfängt und sich dann noch ca. 200km weiter nach Norden bis zur Grenzen des dänischen Königreiches erstreckt (daran, dass es da noch Königreiche wie im Märchen oder auf der Scheibenwelt gibt, kann man erkennen, wie weit weg von Berlin das alles ist). Aber da wohnen Menschen. Streng genommen sogar 240.000 laut Wikipedia allein in Kiel.

…dank Meer.
Und die Leute dort Leben u.a. vom Tourismus, denn das Bundesland hat viel schöne Natur und vermutlich das einzige Etwas, dass es in Berlin nicht gibt: Nämlich Meer. Und auf diesem Meeren, von SH gleich zwei hat, fahren Tourist*innen in Kreuzfahrtschiffen. Kreuzfahrtschiffe kennen vielleicht auch in Berlin einige. Die Werbung dafür wird nämlich regelmäßig geadbustet:

Feinstaubbelastung in der Innenstadt
Und diese fetten Pötte legen in Kiel mitten in der Innenstadt direkt auf Höhe der Altstadt an. Das mag zwar poserig aussehen, bringt aber jede Menge Feinstaubbelastung für Anwohnenden mit sich. Den nur weil ein Schiff um Hafen liegt, hießt das nicht, dass es „aus“ ist. Im Gegenteil: Die Maschinen laufen weiter. Wie viel Umweltbelastung das mit sich bringt, erklärt der Naturschutzbund für alle, die es genau interessiert, auf seiner Webside.

Problematisches Stadtfest
Und weil in Kiel auch Leute leben, wird da auch gefeiert. Die Kartoffel-Mega-Party dort ist die „Kieler Woche“. Eigentlich ein von Kaiser Willi 2 gegründetes Segelfest, doch zog es ob der militärischen maritimen Wichtigkeit von Kiel im Rahmen der imperialistischen „Flottenpolitik“ schon immer ohne Ende Militärs und Kriegsschiffe an. Diese Tradition hält, sich, denn nach wie vor Treffen sich anlässlich der „Kieler Woche“ Militärs zu informellen Vernetzung. Doch die Proteste dagegen sind hier eigentlich nicht das Thema, sondern das Ökozeug.

Kommunikationsguerilla an der Partymeile
Besagte Partymeile führt auch am Kreuzfahrtanleger entlang. Und genau hier veranstalteten Ökos eine spannende Kommunikationsguerilla-Aktion. Vor den Liegeplätzen verteilten sie im vermeintlich von der Kreuzfahrtgesellschaft „Aida“ stammende Rabattmarken, die auf die Umweltverschmutzung der Kreuzfahrtschiffe aufmerksam machten. „ AIDA sagt DANKE – 40 % Rabatt. Meer erleben – Ostsee schrotten. Warum wir solche Rabatte anbieten können? Auf offener See verwenden wir Schweröl. Da werden beim Verbrennen zwar toxische Gase und große Mengen Rußpartikel frei gesetzt, die Krankheiten bei Menschen und Tieren auslösen, aber die Alternative wäre 40% teurer und wir wollen schließlich weiterhin günstige Reisepreise anbieten.“

Meeresluft vs. Feinstaub
Darüber hinaus greifen die Öko-Chaot*innen auch die Umweltbelastung für die Anwohner*innen auf: „Genießen Sie mit uns unvergleichliche Naturerlebnisse – so lange es noch geht! Atmen Sie die frische Meeresluft in Kiel, vergessen Sie dabei die hohen Feinstaubwerte (in den Top 10 der Städte Deutschlands), verursacht vor allem durch die (Kreuz-)Schifffahrt.“.

Zu überdreht?
Als erfahrener Kommunikationsguerillo könnte man nun denken, dass der Einstieg des Flyertextes viel zu deftig gewählt ist und bereits zu sehr verrät, wohin die Reise geht. Doch weit gefehlt. Die beteiligten Öko-Chaot*innen berichten in ihrem Indy-Text folgendes: „Die scheinbaren Rabattflyer wurden uns fast aus den Händen gerissen, die Nachfragen zeigten zum einen das erschreckend unkritische Schwärmen für Kreuzfahrten, aber auch das mit den Flyern offensichtlich die richtigen Personen erreicht wurden: „Wo kann ich den einlösen?“, „Gilt der auch auf unser schon gebuchten Reise?“, „Wie lange ist der gültig?““

Gut gewählte Umgebung
Vermutlich liegt es an dem Setting der Aktion: Volksfest, Verteilung genau vor den Schiffen, offizielles Design und da die Firmen alle möglichen Billiglöhner*innen für Promo-Aktionen und anderes einsetzen, brauchen „Repräsentant*innen“ von Firmen heutzutage nicht mal mehr besonders auszusehen, um glaubwürdig zu erscheinen. Kling nach einer gelungenen Verbindung von den Aktionsformen des gefälschten Schreibens und des Versteckten Theaters. Klar könnte das inhaltlich alles radikaler und kapitalismuskritischer sein, aber insgesamt ein harter Schlag für die Berliner Arroganz, dass Szenen am Scheibenrand so was können, während es hier schon als „Kommunikationsguerilla“ gilt, wenn man auf öffentlichen Veranstaltungen Investor*innen bepöbelt

Einziger ernsthafter Verbesserungstip:
Die Glaubwürdigkeit solcher Aktionen ist wie das Beispiel zeigt ja zunächst sehr hoch. Das bedeutet zum einen, das es ein ein Risiko gibt, dass Leute es einfach nicht schnallen. Das ganze bedeutet aber auch eine reelle Chance auf eine sehr langanhaltende Glaubwürdigkeit. Was wäre nun, wenn man auf dem Flyer einen QR-Code oder Kurzlink eingibt, den die Leute benutzen sollen, um an den Rabatt zu kommen? Und dann sitzen die Zuhause, wollen buchen, und der Code leitet sie auf eine Webside, die über das Thema der jeweiligen Aktion informiert? Die Buchungsquote dürfte in der Probandengruppe deutlich sinken…

Mehr Infos:

Mehr Kommunikationsguerilla-Aktionsanalysen:
http://maqui.blogsport.eu/kommunikationsguerilla-analyse/

Indy-Text der Öko-Chaot*innen aus Kiel, die die Verteil-Aktion gemacht haben:
https://linksunten.indymedia.org/de/node/182510

Naturschutzbund zu Dreck aus Schiffen:
https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/verkehr/schifffahrt/

Antimil-Proteste in Kiel zur Kieler Woche:
https://linksunten.indymedia.org/de/node/182763