Als weiblich gelesene Menschen bekommen in Deutschland im Schnitt 20% weniger Gehalt als männlich gelesenen Menschen. Die öffentliche Debatte um diesen „Gender Pay Gap“ zeigt, wie sich der Sexismus in der Gesellschaft beim Übergang von der Moderne in die Postmoderne verändert. Der moderne Sexismus hatte ein fettes ideologisches Programm der Ungleichheit entwickelt. Der postmoderne Sexismus hingegen hat intellektuell außer Hass und Ressentiments kaum etwas anzubieten. Dies sei hier anhand einer Analyse der Ideologiefragmente in einem sexistischem Internet-Postings dargelegt.

Trigger-Warnung:
Dieser Text setzt sich inhaltlich mit sexistischen Postings auseinander. Dazu werden diese wieder gegeben, um anschließend analysiert zu werden.

Online-Hater
Kaum macht man im Internet was zu Sexismus, hat man die Kommentarleiste voll mit antifeministischem Hater-Pack. Wird bei uns Stalinist*innen na klar alles wegzensiert, den das Netz ist schon voll genug mit Kartoffelkacke, als das man sich das auch noch hier antun müsste. Aber mitunter strotzden die Kommentare einfach nur so vor Dummheit, sodass man vom Nicht-Widersprechen Kopfschmerzen bekommt.

Männer und Frauen verdienen gleich viel?
Ein solches Beispiel ist das Kommentar der Nutzers „m“ der unter einem Artikel aus der Reihe „theoretisches praktisch“ , der Sexismus erklärt, folgendes postet:

„Lohndiskriminierung nach Geschlecht ist illegal. Frauen verdienen das gleiche wie Männer so sie denn auch die gleiche Anzahl Stunden und Erfahrung hineintun. Was sie häufig eben nicht machen. Frauen _verdienen_ eben im Schnitt wortwörtlich weniger als Männer.
Das ist gerecht. Denn wer mehr arbeitet verdient auch eben mehr Gehalt. Auch wenn Frauen oder besser: Femimimiministinnen das ganz doll ungerecht finden. Ihr könnt euren Prinzessinnenbonus nicht zurückbekommen. Spätestens mit 18 ist das vorbei. Für euch gilt — wie für alle anderen auch — das Leistungsprinzip. Gewöhnt euch daran.“

Satz für Satz…
Und das sei jetzt mal Stück für Stück auseinander genommen:

„Lohndiskriminierung nach Geschlecht ist illegal.“

Is ja klar: Was verboten ist, gibt’s nicht. Steuerhinterziehung, Korruption, Häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt: Für Kartoffeln wie „m“ gibt’s das alles nicht, weil es verboten sei. Ergo muss sich SexistInnen-Pack wie „m“ auch nicht mit dem Thema auseinander setzen. Außer, die Täter sind nicht weiß- dann ist das na klar ein Kulturbruch, oder „m“?

„Frauen verdienen das gleiche wie Männer so sie denn auch die gleiche Anzahl Stunden und Erfahrung hineintun.“

Wir haben ja schon gelernt, dass was verboten ist, nicht sein kein. Also muss mann sich damit auch nicht beschäftigen und kann völlig faktenfrei dummes Zeug labern…

Der Gender Pay Gap
Aber zur Sache. Zahlen zum Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen liefert u.a. der vom Statistisches Bundesamt (Destatis) und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) herausgegebene „Datenreport 2016. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland“ .

Im Kapitel 5 (Arbeitsmarkt und Verdienst) geht’s auf Seite 145ff um den Gender Pay Gap. Die Statistiker*innen erklären dort, dass der Einkommensunterschied zwischen Mann und Frau 20% betrage. Dieser Unterschied erkläre sich größtenteils aus unterschiedlichen Strukturmerkmalen der gesellschaftlichen Zugangsmöglichkeiten von Mann und Frau zu gesellschaftlichen Ressourcen. Ein Drittel des Unterschiedes lässt sich jedoch nicht mit derartigen gesellschaftlichen Diskriminierungs- und Bevorteilungsmechanismen erklären. Dieser „Rest“ nennt sich „bereinigter Gender Pay Gap“. Sieben Prozent weniger als Männer verdienen Frauen auch unter der Voraussetzung, dass sie:

-die gleiche Tätigkeit ausüben
-über einen äquivalenten Ausbildungshintergrund verfügen
-in einem vergleichbar großem privaten bzw. öffentlichem Unternehmen tätig waren, das auch -regional ähnlich (ost/west, Ballungsraum/kein Ballungsraum) zu verorten war
-einer vergleichbaren Leistungsgruppe angehörten
-einen ähnlich ausgestalteten Arbeitsvertrag hatten
-das gleiche Dienstalter und die gleiche potentielle Berufserfahrung hatten
-einer Beschäftigung vergleichbaren Umfanges nachgingen.

Weiter im Text…
„ Was sie häufig eben nicht machen.“

Jaja. Blabla. Informier dich, bevor du postest. Genau das ist mit gesellschaftlichen struktuerellen Unterschieden und Diskriminierung gemeint.

„Frauen _verdienen_ eben im Schnitt wortwörtlich weniger als Männer.“

7%, wie Du oben gelernt haben solltest.

„Das ist gerecht. Denn wer mehr arbeitet verdient auch eben mehr Gehalt.“

Stimmt nicht. Aber das Statistische Bundesamt gehört bestimmt auch zur linksversifften Lügenpresse, oder?

„Auch wenn Frauen oder besser: Femimimiministinnen das ganz doll ungerecht finden. Ihr könnt euren Prinzessinnenbonus nicht zurückbekommen. „

Als ob es so was je gegeben hätte… aber wer sich mit „Argumenten“ von Sexist*innen überhaupt auseinander setzt, ist selber schuld, wenn er sich mit obigen Bullshit auseinander setzen muss…

„Spätestens mit 18 ist das vorbei.“

Hier quillt der Frauenhass dann förmlich über…

„ Für euch gilt — wie für alle anderen auch — das Leistungsprinzip. Gewöhnt euch daran.“

Leistungsprinzip?
Hier hat „m“ ausnahmsweise recht. Es gilt zunehmend mehr das Leistungsprinzip. Und dies macht Sexist*innenpack wie „m“ Angst. Zurecht, denn die soziale Mobilität von Frauen nimmt nach oben zu. Der Datenreport beschäftigt sich ab Seite 215 im Kapitel „Soziale Mobilität“ mit der Chancengleichheit in Deutschland. Die ist laut den Statistiker*innen trotz gegenteiliger Propaganda mies: „Die Herkunft aus einer bestimmten sozialen Klassenlage hat trotz der Betonung von Chancengleichheit im Bildungswesen und der Heraushebung des Leistungsgedankens in der Berufswelt nach wie vor einen starken Einfluss auf die spätere Klassenposition von Männern und Frauen in Deutschland“.

Soziale Mobilität bedroht dumme Sexisten
Allerdings gibt es etwas, dass Sexist*innenpack wie „m“ Angst macht: „Hervorzuheben ist jedoch die günstige Entwicklung für Frauen, die im Vergleich zu ihren Vätern verstärkt vorteilhafte Positionen behaupten und unvorteilhafte Positionen vermeiden können“. Das Leistungsprinzip setzt sich also tatsächlich ein bisschen durch. Und genau das merken auch Sexist*innen wie „M“. Zurecht, denn wer zu doof ist, sich mit seiner Welt und der in dieser Welt existieren Fakten objektiv auseinander zusetzen, hat in einer Leistungsgesellschaft keine Chance. Da bleibt dann nur der Männerbund, bei dem man sich gegenseitig versichert, wie gemein und ungerecht diese „ Femimimiministinnen“ zu einem sind, nur weil die sich von Schwänzen nicht mehr beeindrucken lassen.

Intellektuell fürn Arsch
Dabei zeigt die Argumentation, wie herunter gewirtschaftet die sexistischen Weltbilder heutzutage sind. Der Sexismus der alten Schule benannte ganz offen, das Frauen weniger wert seien, und vertrat offensiv ein ideologisches Programm der Ungleichheit. Heutzutage hingegen hat sich die Idee der Chancengleichheit so durchgesetzt, dass selbst Frauenhasser wie unser Herr „m“ sogar in der Anonymität des Internets zunächst dem gesellschaftlichen Wert der „Chancengleichheit“ zustimmen (müssen). Und mehr als die wahrheitswidrige Behauptung, dass diese Chancengleichheit doch längst erreicht sei, hat der postmoderne Sexismus intellektuell nicht mehr zu bieten, bevor der Frauenhass aus dem Kommentar offen hervor quillt. Kein Wunder, dass Leute wie „m“ sich bedroht fühlen. So, und jetzt Popcorn raus und zuschauen,wie die Kommentarleiste schäumt.

Mehr Infos:

Sexismus einfach erklärt:
http://maqui.blogsport.eu/2016/05/30/adbusting-das-problem-mit-dem-paearchen-quatsch/

(B) Adbusting-Aktion gegen Sexismus:
http://maqui.blogsport.eu/2016/06/21/b-adbusting-aktion-gegen-sexistische-werbung/

Adbustings zum Frauenkampftag:
http://maqui.blogsport.eu/2016/03/07/b-adbusting-zum-feministischen-kampftag/

Wie gefährlich ist feministische Streetart für die Berliner Polizei?
http://maqui.blogsport.eu/2016/03/16/b-wie-gefaehlich-kann-street-art-sein/