Im Mai 2016 überklebten Antira-Aktististis in der Berliner „Mohrenstraße“ die Straßenschilder. Damit tauften sie die Straße symbolisch in „Mandela-Straße“ um. Die Aktion thematisert das postkoloniale Erbe in D-Land und in der d-ländischen Kartoffelkultur. Und weil kaum wer weiss, was mit Postkolonialismus gemeint ist, versucht der Text alltagsnah die Relevanz des Politikfelds zu erklären.

Trigger-Warnung:
Dieser Text analysiert rassistische postkoloniale Diskurse. Dabei werden zu Verständigungs- und Analysezwecken die sowohl rassistische als auch sexistische Ideologie- und Sprachfragmente dargestellt.

Was niemand wissen will
Was die wenigsten wissen: D-Land hat eine Kolonialgeschichte. Diese Kolonialgeschichte war brutal und blutig, was ja offenbar ein Wesenszug deutscher Politik ist. Und auch ein weiterer Wesenszug deutscher Politik trifft auf die Kolonialgeschichte zu: Niemand will von etwas gewusst haben und alles war ganz „normal“. Der Aufbau dieser wie selbstverständlich rassistische Deutungsmuster mit einschließenden Normalität wird dadurch erleichtert, dass im deutschen Geschichtsbild die Kolonialgeschichte dank der verlorenen ersten Weltkrieges seit 1918 als Episode erscheint.

Erste proto-deutsche Kolonien schon im 17. Jahrhundert
Dabei wird ausgeblendet, dass Unternehmer*innen aus deutschen Reichsgebieten bereits im 17. Jahrhundert kräftig am als „Dreieckshandel“ verharmlosten Sklavengeschäft zwischen Europa, Afrika und der „neuen Welt“ mitverdienten. Auch wird ausgeblendet, dass deutsche Kurfürsten bereits im 18. Jahrhundert erste Kolonien in Afrika und Amerika etablierten.

Globaler Ausbeutungsmarkt
Auch nach dem „offiziellen“ Ende der deutschen Kolonialzeit blieb die deutsche Ökonomie in weltweite Ausbeutungsstrukturen eingebunden (wer weiß schon, dass der Name des netten Supermarktes um die Ecke ursprünglich ein Akronym für „Einkaufsgenossenschaft Deutscher Kolonialwarenhändler“ war?). Und viele rassistische Angehörige der Kolonialverwaltungen fanden über den Umweg der SA Aufnahme in den Verwaltungen der von der Wehrmacht besetzten Gebiete. Dort waren sie gefragte Leute, denn das Handwerk des rassistischen Weltanschauungskrieges und die Kunst der Vernichtung von ganzen Bevölkerungen hatten diese Leute im Kaiserreich in den deutschen Kolonien gelernt.

Zivilisation?
Wie problematisch die Nichtaufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte ist, zeigt sich u.a. bei den gesellschaftlichen Reaktionen auf die Ereignisse von Köln. Das Statement des Justizministers Heiko Maaß „ Wenn tausend Menschen sich zu einer enthemmten Horde zusammen finden und das offenbar so geplant war, dann ist das nicht weniger als ein zeitweiliger Zivilisationsbruch“, ist nur vor einen kolonialen Hintergrund verständlich. So funktioniert das Gerede vom Zivilisationsbruch nur, wenn man annimmt, dass es so etwas wie eine Zivilisation hier gebe, und dass dies etwas Gutes sei. Und diese Zivilisation taugt nur als Positivmerkmal, wenn es sie woanders nicht gibt. Und schon zeigt sich, wie tief der koloniale Glaube, dass der Westen für Zivilisation stehe und der Rest der Welt nicht, in Heiko Maaß Überzeugungen steckt. Wie wenig Widerspruch er für diese Aussage erntet, zeigt wie viel koloniales Überlegenheitsgefühl wie selbstverständlich zum deutschen Diskurs gehört. Dass der Justizminister zudem wie selbstverständlich das rassistische Bild der „Horde“, die die Zivilisation bestürmt, unwidersprochen reproduziert, sollte zeigen, wie tief die koloniale Weltanschauung bis heute den deutschen Diskurs prägt (ein Beispiel, wie derartige kulturalistische Perspektiven an Universitäten unterrichten werden, bietet u.a. diese Analyse von Studies an der Uni Rostock ).

Rassismus mit Sexismus
Auch das rassistische Klischee des unzivilisierten, naturwüchsigen, potenten, ungezügelten Schwarzen der die weiße Frau bedroht, wurzelt in der Kolonialzeit. Wieder aufgewärmt wurde es nach dem ersten und zweiten Weltkrieg, als man es den alliierten Armeen besonders übel nahm, dass diese auch People of Colour in ihren Reihen auf deutschen Boden zuließen, da man um das deutschen Blut fürchtete, falls es zu Geschlechtsverkehr zwischen Besatzungsangehörigen und in Deutschland Eingeborenen käme.

Die als Anders konstruierten raushalten
Auch die Fixierung des deutschen Staatsbürger*innenrechts auf die Abstammung hat ihre Wurzel in einer kolonialen Gesetzgebung des Kaiserreiches, als es darum ging, nicht-weiße Bürger*innen aus den Kolonien von der politischen und gesellschaftlichen Partizipation im „Mutterland“ und in den Kolonien auszuschließen.

Sexismus und Rassismus als Einstellungssyndrom
An diesem Stereotyp ist außerdem interessant, dass er zeigt, wie Deutschland Rassismus und Sexismus zusammen denkt. Mit der rassistischen Ansage, dass man die weiße Frau vor dem unzivilisierten Schwarzen schützen müsse, geht einher, dass man der weißen Frau im Zweifelsfall nicht zutraut, das mit dem zivilisiert sein hinzukriegen. Daraus wird auch der paternalistische Führungsanspruch des weißen Mannes über die weiße Frau deutlich.

Koloniale Diskurse als Wurzel für Alltagsrassismus
Vergegenwärtigt man sich die Allgegenwart kolonialer Denkmuster im deutschen Diskurs, wundert es nicht, wie schwer Kartoffelland sich mit der Aufarbeitung kolonialer Verbrechen tut. So weigert sich die Bundesregierung immer noch, den Völkermord in Namibia als das zu akzeptieren, was es ist. Und auch der überall im Land verbreitete tiefsitzende Alltagsrassismus, den in der Mehrheitsgesellschaft fast niemand wahr haben will, wird verständlicher, wenn man sich die fehlende kritische Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit vergegenwärtigt.

Mehr Infos:

Mehr politische Theorie praktisch erklärt:
http://maqui.blogsport.eu/theoretisches-praktisch/

Kommunikationsquerilla geggen Nazis:
http://maqui.blogsport.eu/2016/02/07/kommunikationsguerilla-gegen-nazis/

Einigkeit und Recht und Ausländerfeindlichkeit?
maqui.blogsport.eu/2015/09/30/einigkeit-und-recht-und-auslaenderfeindlichkeit/

Ist Wissenschaft „ohne Afrikaner“ rassistisch?
maqui.blogsport.eu/2015/09/07/ist-wissenschaft-ohne-afrikaner-rassistisch-und-sexistisch/