Adbusting im Mai 2016 in der Berliner Georgenstraße

Bei „Notes of Berlin“ gibts zur Zeit ein Adbusting aus der Berliner Georgenstraße. Es zeigt Werbung für Salat. Und eine Sprechblase legt dem netten Farmer*innenpäarchen ein „Oh je, zum Glück muss ich diesen heteronaormativen Päarchen-Quatsch nur fürs Foto ertragen“ in den Mund. Und selbstverständlich gibts auch die üblichen Trollsprüche dazu. Für uns eine gute Gelegenheit, noch mal zu erklären, was eignetlich das Problem mit dem ganzen Sexismus-Dingsdabums ist.

Sexismus trotz Gleichberechtigung?
Trotz Frauenquote und Frauenparkplätzen, trotz Erziehungsgeld und Frauenwahlrecht ist die auf Sexismus basierende strukturelle Privilegierung von Männern nicht überwunden. Allen Anstrengungen zum Trotz verdienen Frauen sowohl gesamtgesellschaftlich betrachtet, als auch häufig individuell, für dieselbe Arbeit weniger als Männer. Doch die Ausformungen der auf Sexismus basierenden Herrschaft von Männern über Frauen geht noch viel weiter.

Zweigeschlechtlichkeit als Normierungsprozess
Sexismus bedeutet zuerst einmal aufgrund angeblicher oder realer „biologischer Unterschiede“ zwischen „Mann“ und „Frau“ auch sozial zu unterscheiden, und diese biologischen Geschlechter (engl. sex) durch Zuschreibungen bezüglich der Psyche oder des Verhaltens mit Eigenschaften zu belegen. So werden „soziale“ Geschlechter konstruiert (engl. gender). Diese „sozialen“ Geschlechter konstruieren sich aus Normen, Werten und Vorurteilen, und ergeben einen Diskurs, der Menschen aufgrund ihres biologischen Geschlechtes angebliche Eigenschaften zu- und bestimmte Verhaltensweisen vorschreibt. Dies fängt bereits im Kleinkindalter an. So werden „Mädels“ oft in rosafarbene Kleidung gesteckt und „Jungs“ in blaue. Des weiteren bekommen „Mädels“ Anerkennung, Aufmerksamkeit und Sozialprestige, wenn sie sich möglichst „klein“, „niedlich“ oder „süß“ geben, während „Jungs“ als positive Werte „Größe“, „Stärke“, „Dominanz“, „Tapferkeit“ u.ä. vorgelebt bekommen. Diese Normierungsprozesse funktionieren erstaunlich gut, da selbst die kleinsten Kinder schon ein äußerst ausgeprägtes Gespür dafür haben, mit welchen Verhaltensweisen sie positives Feedback der Erwachsenen bekommen können.

Anpassungsdruck
Über diese Normierung werden schon sehr früh mindestens zwei gesellschaftliche Fakten geschaffen. Zum einen wird es zur als natürlich wahrgenommenen Normalität, das eigene Selbstbild entweder am Archetyp „weiblich“ oder am Archetyp „männlich“ auszurichten, und zum anderen erscheint es damit als selbstverständlich, auch die dem jeweiligen Rollenbild zugeschriebenen Eigenschaften zu übernehmen. Verstärkt wird diese Tendenz dadurch, dass diese Verhaltensweisen in fast allen gesellschaftlichen Bereichen auf die ein oder andere Weise eingefordert werden.

Hierarchisierung
Mit dem Einteilen in Rollenbilder und dem Zuschreiben von Eigenschaften ist per se noch keine Wertung oder Hierarchie entstanden. Über das, was alle gesellschaftlichen Akteuere gemeinsam als „Normal“, „gut“ und „wünschenswert“ im Diskurs konstruieren, wird eine subtile Fremdbestimmung auf die jeweiligen Individuen ausgeübt. Neben dem generellen Problem mit diskursiver Herrschaft sind diese Mechanismen besonders problematisch für Leute, die es aus welchem Grund auch immer, schwer haben, sich einer bipolaren Gender-Logik unterordnen wollen. Denn die Hierarchisierung und Wertung geschieht in dem Moment, wo abweichende Verhaltensweisen (entweder weil sich Individuen überhaupt nicht erst in überkommene bipolare Schemata pressen lassen wollen, oder ihre Verhaltensweisen nicht „ihrem“ Rollenbild entsprechen) als „unnormal“, „abartig“ oder „krank“ definiert werden. Dies ist jedoch notwendig, um subtil und unterschwellig die gesellschaftlich geforderte Einhaltung der Norm als wünschenswert erscheinen zu lassen.

Zuschreibungen
Weitere Hierarchisierungen zeigen sich zudem bei der Betrachtung der Verhaltensweisen, die den jeweiligen konstruierten Rollenbildern gesellschaftlich zugeschrieben werden. So entstehen die Stereotypen. Die „männlich“ definierten Eigenschaftspakete werden im gesellschaftlichen Diskurs größtenteils als „gut“ oder „wünschenswert“ wahrgenommen. So sind Männer angeblich „rational“, „überlegt“ oder „durchsetzungsfähig“, während Frauen mit z.B. „emotional“, „unsicher“, „reden viel“, „können nicht einparken“ beschrieben werden. Dass sich dies durch Diskursverschiebungen innerhalb von Gesellschaften verändern lässt, zeigt die Entwicklung im letzten Jahrhundert, in der Frauenbewegungen in vielen Ländern viele Fortschritte erkämpften.

Diskursverschiebungen
Die Verschiebungen in den gesellschaftlichen Diskursen zur Rolle der Frauen in diesen seit dem 19. Jahrhundert sind sehr drastisch. Um nur einige bis vor wenigen Jahren unvorstellbare Beispiele zu nennen: In der Armee finden sich Frauen in Kampfeinheiten, es gibt Frauen in Führungspositionen in Unternehmen, seit 2005 ist in D-Land der Bundeskanzler eine Bundeskanzlerin. Dies zeigt zum einen, dass die viele Jahre als für „wahr“ befundenen biologistischen Stereotypen zur Rollenverteilung Gesellschaften reine diskursive Erfindung waren. Gleichzeitig zeigt die erwähnte weiter fortbestehende gesellschaftliche Diskriminierung auf, dass diese Veränderungen lediglich Verschiebungen waren. Der Kreis der durch Herrschaft privilegierten Menschen hat sich also nur ein weiteres Mal geöffnet, ist durchlässiger geworden, aber nicht verschwunden. Es hat also eine Modernisierung stattgefunden, neben welcher u.a. sexistische Herrschaftsmechanismen weiter fortbestehen.

Diskriminierungen
Konkret erlebbar wird sexistische Diskriminierung in vielen Situationen. Menschen, die nicht „männlich“-dominant auftreten, werden in Gesprächen oft übergangen. Auch in vielen politischen Gruppen fehlt häufig die Sensibilität für nicht als „stark“ codiert auftretende Menschen. Durch eine solchen „Ellenbogen“-Kultur werden diese Menschen krass diskriminiert. Dies kann auch Männer treffen, wenn diese die von ihnen erwarteten Codes nicht erfüllen. Auch laufen über sexistische Muster oft unreflektiert Aufgaben- und Rollenverteilungen ab. So sind es in politischen Gruppen oder auf Camps mit emanzipatorischen Ansprüchen oft eher „Frauen“, die sich um die Reproduktion kümmern (Kochen, abwaschen, aufräumen, Gemüse schnippeln), während „wichtige“ Aufgaben eher von „Männern“ erledigt werden. Doch auch bei Frauen in Führungspositionen lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Oft erfüllen diese eher „männliche“ Stereotypen: „engagiert“, „redegewandt“, „durchsetzungsstark“. Offensichtlich sind viele (u.a. linke) Herrschaftsstrukturen zwar für Frauen offen, aber nicht für Menschen, die nicht über die in einer auf Leistung beruhenden Ellenbogengesellschaft gewünschten Eigenschaften verfügen.

Reproduktion im emanzipatorischen Umfeld
Eine außerdem viel zu oft unterschätzte Problematik in Bezug auf Sexismus in emanzipatorischen Zusammenhängen spielt sich im zwischenmenschlichen Bereich ab. Da diese gesellschaftlichen Subräume keine gesellschaftlichen Inseln sind, und die sich in diesen Zusammenhängen bewegenden Individuen ihre Sozialisation fast alle in einem wie selbstverständlich sexistisch agierendem Umfeld erlebt haben, reproduziert sich dies auch in den Verhaltensweisen in einem sich als emanzipatorisch verstehenden Umfeld. Dies geht von geschlechterspezifischen Diskriminierungen in Diskussionen über die Aufgabenverteilung in Projekten, bis hin zu sexistischen Macho-Attitüden, sexistischen Übergriffen und Vergewaltigungen, die leider „selbstverständlich“ auch in antagonistischen Zusammenhängen vorkommen. Darin zeigt sich, dass Emanzipation ein Prozess der Auseinandersetzung ist, der sehr vielschichtig sein muss, und einer ständigen kritischen Reflexion bedarf. Dieser Prozess ist noch ganz am Anfang, und kann oft nur eine Annäherung an Herrschaftsfreiheit sein, die ständig neu erkämpft werden muss.

Gemeinsame Gegenwehr
Das bedeutet, dass es nicht die eine perfekte Lösung gibt. Vielmehr kann versucht werden, über verschiedene Verhaltensweisen und Auseinandersetzungen sexistische Verhaltensweisen zurückzudrängen. Ein erster Schritt dazu kann die eigene Sensibilisierung für sexistische Übergriffe auch gegenüber anderen sein. Daraus kann sich eine Praxis des Eingreifens zur Beendigung von Übergriffen entwickeln. Hierfür gibt es jedoch auch keine festen Regeln oder Mechanismen, da die Schwelle, ab welcher Verhaltensweisen als Grenzüberschreitung empfunden werden, bei jeder Person unterschiedlich sind, und Sensibilität für Menschen und Situationen erfordern. Deshalb ist es langfristig notwendig, in Zusammenhängen mit einem irgendwie emanzipatorischen Selbstverständnis ein Auseinandersetzungsklima zu schaffen, in dem die beteiligten Menschen in der Lage sind, über Verletzungen, Diskriminierungen und Traumatisierungen miteinander zu sprechen, um gemeinsame Umgangsformen und Möglichkeiten der Gegenwehr zu entwickeln.

Konkrete Hilfe

Konzepte zur Zurückdrängung von Sexismus in Gesellschaften müssen zum einem die Erhöhung der „Selbstverteidigungsfähigkeit“ von potentiell Betroffenen beinhalten. Dies kann durch Aufklärung über Grenzüberschreitungen, sexistische Übergriffe, Vergewaltigungen und die Entstehung und Wirkungsweise von Traumatisierungen gelingen. Gleichzeitig muss durch eine End-Tabuisierung des Themas ein Bewusstsein für die Problematik geschaffen werden. Dies kann dazu führen, dass es Betroffenen leichter fällt die Geschehnisse zu verarbeiten (was hoffentlich Verdrängung und Traumatisierung erschwert) und es einfacher gelingt, bei anderen Menschen Hilfe und Unterstützung zu finden.

(Dieser Text basiert zu weiten Teilen auf dem Text „Wer putzt dein Klo?“ In: Herrschaftskritik. Analysen. Aktionen. Alternativen. Reiskirchen 2010. S. 24-28.).

Mehr Infos:

Mehr politische Theorie praktisch erklärt:
http://maqui.blogsport.eu/theoretisches-praktisch/

Gender-Trouble-Ausstellung auf dem Klo:
http://maqui.blogsport.eu/2015/11/06/berlin-humbolt-uni-gender-trouble-ausstellung-auf-den-klos/

Rezension: Andrea Truman: Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus:
http://maqui.blogsport.eu/2015/08/24/rezension-andrea-truman-feministische-theorie-frauenbewegung-und-weibliche-subjektbildung-im-spaetkapitalismus/

Rezension: Voß, Hans-Jürgen: Geschlecht. Wider die Natürlichkeit:
http://maqui.blogsport.eu/2015/06/18/rezension-voss-hans-juergen-geschlecht-wider-die-natuerlichkeit/