Adbusting Antifa Berlin statt Air Berlin

Macht kreativer Protest gegen Nazis Sinn? Auch durch die Krise klassischer Antifa-Strukturen mischen sich auf diesem Politikfeld immer mehr Akteure ein. Ein aktuelles Beispiel ist eine künstlerische Intervention rund im den Berliner Hauptbahnhof, der immer Montags als Treffpunkt für Bärgida-Nazis herhalten muss. Dabei veränderte die Gruppe „Denkendzettelklebende Menschen für die Demaskierung von Asylkritik und Wutbürgertum” (DeMefüDeAsWu) Werbeplakate so, dass diese sich gegen Rassismus positionierten. Doch was bringen solche Aktionen?

Kreativer Protest als Worthülse
Kreativer Protest ist zu einem schwierigen schwammigen Wort geworden. In der heutigen Zeit labeln mit diesem Begriff meistens irgendwelche abgehalfterten NGOs ihre lediglich auf Berichterstattung schielenden Fototermine ohne Inhalt und jegliche Relevanz für politische Bewegung oder nachhaltige Wirkung auf politische Diskurse. Auf der „anderen“ Seite sieht es jedoch auch nicht besser aus. Die linksradikale(n) Szene(n) sind vordergründig mit Selbsterhaltungs-Ritualen beschäftigt, teilweise notgedrungen und teilweise auf Mangel an kreativer Handlungsfähigkeit. Anschlussfähige Theorie-Debatten gibt’s in linksradikaler Bewegung wenig. Kein Wunder, dass man hier unter „kreativen Protest“ meistens irgendwas mit Fäkalien oder Klobürsten versteht(es genügt der Blick in die Gefahrengebiete von Hamburg und Berlin). Dabei würde sich eine Auseinandersetzung mit kreativen Protestformen durchaus lohnen, um interessante Aspekte für antifaschistischen Protest herauszuarbeiten.

Was kann kreativer Protest?
Das Besondere an „kreativen Protest“ ist, das er mit den von Individuen und Gesellschaft an Ereignisse herangetragenen Erwartungshaltung spielt. Wenn irgendwelche NGOs ihre ach so kreativen inhalts- und konfrontationsarmen PR-Fototermine als „besonders“, „kreativ“, „Protest ganz gewaltfrei“ feiern, dann entlarvt dies die bei den AkteurInnen bestehenden bürgerlich-reaktionären Erwartungshaltungen gegenüber antagonistischen Widerstandshandlungen ziemlich deutlich. Für viele NGO-Fans wird Protest dann erst interessant, wenn er ihren Erwartungshaltungen nicht entspricht. Das Konzept „Protest“ wird sozusagen durch die ach so kreative Aktion neu kontextualisiert und für das hippe gebildete Bürger_Innentum als Spenden-Investitions-Projekt attraktiv gemacht.

Neu-Kontextualisierung von Ereignissen
Dieses Potential der Neu-Kontextualisierung von Ereignissen funktioniert nicht nur bei NGO-(Ange-)Hörigen und ihrer Selbstinszenierung. Es funktioniert bei politischen Ereignissen aller Art und prinzipiell in jede Richtung. Je mehr die Veranstaltenden auf Repräsentation erpicht sind, desto mehr Angriffsfläche für Neu-Kontextualisierungen bieten sie.

Kreativer Protest gegen die Reichsautobahn
Ein vergessenen historisches Beispiel, das diese Dynamik sehr gut zeigt, sind die Proteste anlässlich der Eröffnung der Reichsautobahn 1 zwischen Hamburg und Lübeck 1934. Damals malten eine Clique von Auszubildenden Graffittis auf die Autobahnbrücken zwischen den beiden Städten. Die Graffittis zeigten u.a. Slogans, die den damals herrschenden Diktator Adolf Hitler kritisierten. Teilweise waren die Slogans von den für die entlang der Strecke statt findenden Feierlichkeiten gut zu lesen. Mehrere Bildagenturen mussten ihre Fotos aufwändig nachbearbeiten, da im Hintergrund Hitler-Kritik zu erkennen war. Besonders betroffen war die sogenannte Wochenschau. Dieses von Göbels geliebte Tagesschau-Format bestand aus kurzen filmisch inszenierten Berichten aus aller Welt, deren Zusammenschnitt reichsweit in allen Kinos vor dem Vorstellungsbeginn gezeigt wurde. Das Produktionsteam war dem zur Eröffnung die Strecke abfahrenden Staats-Tross gefolgt. Die dabei entstandenen Filme dokumentieren auch auch das Ausmaß der Aktion der Auszubildenden und waren erst nach aufwendigen Bearbeitungen zu verwenden.

Was kann kreativer Protest?
Das Potential des kreativen Protestes dürfte im Beispiel deutlich zu Tage treten. Das Regime betreibt für den Propaganda-Erfolg „Autobahn-Eröffnung“ einen gigantischen Aufwand. Und trotzdem gelingt es nicht, das gesamte Spektakel in Raum und Zeit gegen kritische Interventionen abzuschirmen. Auch wenn es dem Regime gelang, die massenmediale Verbreitung der Aktion zu gerade so zu verhindern (damals wesentlich leichter als heute), so ist die Wirkung doch enorm. Tausende Menschen haben an den Feierlichkeiten teilgenommen und von den Sprüchen Notiz genommen. Einige lokale Feierlichkeiten finden vor den Slogans statt. Und auch nicht zu unterschätzen dürfte die direkte Wirkung der Aktion auf die Schergen des Regimes gewesen sein. Statt toller Feier müssen sie sich mit Schmähungen auseinander setzen. Statt einer Inszenierung einer angeblichen Allmacht zeigt die Party, dass das Regime noch nicht einmal sich selbst vor Kritik schützen kann. Die kritischen Graffittis re-kontextualisieren hier eindrucksvoll die Lücke zwischen Herrschaftsanspruch und Herrschaftswirklichkeit.

Re-Kontextualisierung bei Plakaten
Ähnlich dürfte es bei Wahlplakaten rechter Parteien funktionieren. Wahlplakate überzeugen niemanden. Sie mobilisieren die eigenen AnhängerInnenschaft. Insofern ist es aus einer antifaschistisch-aktionistischen Perspektive auch gar nicht blöd, wenn z.B. NPD-Pappen flächendeckend verschwinden. Die fehlende Mobilisation dürfte die Partei bei den anstehenden Wahlen durchaus bemerken. Doch noch fataler dürfte auf die Bindung zu einer Partei eine Re-Kontextualisierung der Inhalte wirken.

Beispiel Greifswald
So gelang es 2013 einigen unerkannt gebliebenen ChaotInnen, die Papp-Propaganda der NPD subversiv zu unterwandern. Sie hatten die echten NPD-Pappen in der gesamten Stadt durch Totalfälschungen ersetzt. Auf den neuen Poster warben Holger Apfel und Udo Pastörs eng umschlungen mit verknallten Blicken für die sofortige Legalisierung der sogenannten „Homo-Ehe“ (mehr Bilder hier und hier).

Adbusting bei der NPD
Interessant ist auch eine Aktion aus dem Jahr 2009 in Dresden. Die dortige Gewerkschaftsjugend lud offensiv PressevertreterInnen ein, um mit diesen gemeinsam Adbusting an NPD-Papp(nas)en zu betreiben. Bilder der Ergebnisse verschickten sie zudem absolut nicht anonym mit Klarnamen und Label als Pressemitteilung. Das Überraschende: Soweit es den berichten zu entnehmen ist, begann weder die Staatsanwaltschaft zu ermitteln, noch erstattete die NPD Anzeige (mehr Infos -> hier <- ).

AFD-Adbusting-Contest
Aktuell passiert für Antifa-Verhältnisse relativ viel Kreatives um die Partei AfD. So gab es zum Europa-Wahlkampf 2014 einen in den sozialen Netzwerken ausgetragenen Wettkampf um das schönste AfD-Adbusting in der Echtwelt. Die meisten Einreichungen waren inhaltlich und gestalterisch eher so durchschnittlich, aber was noch ist, kann ja noch werden und hier ist der Weg auch schon in etwa das Ziel.

Witzfiguren statt harte KämpferInnen
Die Wirkung einer solchen Aktion auf die angegriffenen Akteure sollte nicht zu unterschätzen sein. Zum einen dürfte der Kontrollverlust egozentrisch und narzisstisch veranlagter Personen über die Wahrnehmung der eigenen Inhalte auf kurz oder lang ziemlich frustrierend sein. Und noch drastischer dürfte es für das Selbstbild der sich als „harte echte KämpferInnen“ wahrnehmende AnhängerInnen sein, zu erleben, dass sie einfach nur als Witzfiguren wahrgenommen werden.

Outing-Fake aus Dortmund 2013

Outing durch die Stadt
Auch die beliebte Praxis des Outings lässt sich aufpeppen. Nicht nur, dass diese scheinbar immer öfter nur noch auf der Website Indymedia stattfinden und damit viele Chancen vertun. Angesichts der Autoritätshörigkeit ihrer Mitmenschen beschlossen einige Antifas in Dortmund 2013, die Stadtobrigkeit die Outings verteilen zu lassen. Dazu nutzen sie im Layout den Briefkopf der Stadtverwaltung und imitierten auch im Text Anrede, Stil und Formsprache eines Schreibens der öffentlichen Hand. Auf den ersten Blick erschien es nun, als informiere die Stadt ihre BürgerInnen über Wohn- und Aufenthaltsorte der Nazis im Viertel und warne vor diesen.

Nazi-Demos übernehmen
In der guten alten Zeit, als linksradikale Zusammenhänge noch eher über strategische Handlungsfähigkeit verfügten, liefen zudem Aktionen, deren Niveau heute einfach nur noch Kribbeln der Nackenhaare auslöst. So ist im Anhang der Neuauflage des Handbuches Spassguerilla eine Aktion aus dem Göttingen der 90ziger Jahre dokumentiert. Damals kaperten Antifas eine ganze DVU-Demo. Dabei half, dass der Lauti-Wagen der DVU leider in der Nacht vorher in seiner Garage Feuer gefangen hatte. Dementsprechend erfreut waren die Nazis, als auf der Demo trotzdem einer erschien. Dieser Freude taten neben den obligatorischen Wahlplakaten mit den Slogans „Deutschland den Deutschen“ auch Plakate mit „Deutsche kauft deutsche Bananen“ keinen Abruch. Auch das der Lauti konsequent ironisch-überspitzte Redebeiträge, die u.a. mit „Die letzte Schlacht“ von den Scherben untermalt wurden, tat dem Glauben der Nazis, es ebenfalls mit Nazis zu tun zu haben keinen Abbruch. Der qualitative und inhaltliche Unterschied zu heute, wo einzelne selbsternannte dubiose „BerufsaktivistInnen“ allein auf Bärgida-Demos gehen, um dort dann kurz strange Zettel für den/die eigens mitgebrachten Fotografen/in auszuklappen, dürfte auf der Hand liegen. Interessanterweise hing den Schilderungen der Beteiligten zufolge der politische Kompass der Cops bereits damals so schief, dass diese den Schwindel ebenfalls nicht durchschauten.

Resümee
Die Beispiele dürften zeigen, wie gut es gelingen kann, „harte KämpferInnen“ aus dem rechten Spektrum lächerlich zu machen. Die internen und externen Wirkungen dürften auf der Hand liegen. Auch für etwaige Angst vor direkter Konfrontation mit rechten Akteuren und Strukturen eignet sich intelligenter kreativer Protest wunderbar. Kreative Kommunikationsstrategien könnten also durchaus geeignet sein, traditionelle antifaschistische Protestformen zu ergänzen. Gerade die Figur des „besorgten Bürgers“ bettelt doch förmlich darum, verarscht zu werden. Auch die „Wir sind keine Nazis!“-Nazis bieten sich für Persiflage alles Art doch förmlich an. Zudem zwingt kreativer Protest zu inhaltlicher Auseinandersetzung und bleibt dabei nicht beim klassischen personenbezogenen Rechte-Köpfe-Anprangern stehen. Dies dürfte umso mehr gelten, je mehr das rechts-bürgerliche Milieu sich Richtung Aluhut-Fraktion ins Esoterische verabschiedet und Argumente weiter von der bürgerlichen Mitte anders verpackt übernommen werden.

Mehr Infos:

Mehr Kommunikationsguerilla-Analysen:
http://maqui.blogsport.eu/kommunikationsguerilla-analyse/

Adbusting-Aktion gegen Bärgida und Rassismus am 1.2.2016
http://maqui.blogsport.eu/2016/02/03/adbusting-aktionen-gegen-baergida-und-rassismus/

Adbusting gegen Deutschland und Asylrechtsverschärfung am Reichstag zum 3.10.2015
http://maqui.blogsport.eu/2015/10/04/berlin-adbusting-zur-einheitsfeier/

Über das Verhältnis von Kunst und Politik beim Adbusting:
http://maqui.blogsport.eu/2015/11/20/das-verhaeltnis-von-kunst-und-politik-beim-adbusting/

Bundeswehr-Plakate kaputt machen. Was bringt es?
http://maqui.blogsport.eu/2016/01/11/bundeswehr-werbung-zerstoert-was-bringt-es/