sh:z vom 12.12.2015

Wie sehr Methoden der Kommunikationsguerilla gerade mainstream werden, zeigt ausgerechnet eine Protestaktion von Landwirten in Schleswig-Holstein aus dem Dezember 2015. Um auf die ihrer Meinung nach zu niedrigen Erzeugerpreise für Milch und Milchprodukte aufmerksam zu machen, gehen sie in Begleitung von Journalist_Innen in Supermärkte und Discounter. Dort kleben sie Aufkleber mit dem Hinweis „Ich bin mehr wert, als du bezahlen musst!“ auf die Milchtüten im Kühlregal. Laut dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) wurden allein im Landkreis um die Stadt Itzehoe 350 der Aufkleber verklebt. Doch ganz so einfach ist Kommunikationsguerilla dann doch nicht. Um das Potential der Aktionsform voll auszunutzen, bedarf es einiger zusätzlicher Zutaten.

Kommunikationsguerilla ist gar nicht so einfach
Und die Aktion zeigt auch gleich, dass Kommunikationsguerilla gar nicht so einfach ist. Der Slogan dürfte zu brav und die Gestaltung zu unauffällig sein. Selbst dem sh:z scheint dieses Problem am „stillen Protest“ aufzufallen: „ Auch für die Verbraucher lief der Protest so unauffällig ab, dass sie wohl erst beim Auspacken zuhause auf die Aufkleber aufmerksam werden.“

Vermittlung nur über die Zeitung?
Somit dürfte sich die Vermittlung der Aktion auf den Zeitungsartikel reduzieren. So gut das im konkreten Fall auch funktioniert haben mag, vergeben die Neu-Aktivist_Innen damit einige Chancen. Kommunikationsguerilla potentiell die Stärke, auch ohne Massenmedien zu funktionieren. Das ist für unabhängige Proteste wichtig. Einfach den Aufkleber und den Slogan ein bisschen konfrontativer gestalten. Dann fällt er auch auf und es steigt die Chance, dass er nicht von den Kunden ungesehen mit dem Karton nach dem Konsum des Inhalts entsorgt wird. Und einen Internet-Link mit drauf, der auf eine die Inhalte der Aktion vermittelnde Web-Page oder einen Blog weiter leitet, damit bei den Kunden auch Zuhause Infos über die Hintergründe der Aktion verfügbar sind.

Erregungskorridore für virale Kommunikation nutzen
Darüber hinaus wird durch die direkte Vermittlung in der Zeitung der Irritationseffekt der Kommunikationsguerilla weitestgehend zunichte gemacht. Ein gut gemachter Aufkleber, der genau auf dem schmalen Grat zwischen Werbe-Blabla und Konfrontation schippert, löst beim Betrachtenden Irritation aus. Und dann wird am Frühstückstisch die Frage: „Du guck ma. Was ist das denn?“ gestellt. Und nach einigem Rätselraten wird irgendwer sein Smartphone rausholen, und nachgucken, was der Link eigentlich bedeutet, um anschließend der Runde seine neuen Erkenntnisse mitzuteilen. Und auf der Arbeit, in der Uni oder sonstwo wird der Aufkleber mit seiner Botschaft Gesprächsthema sein: „Du, weißt du, was ich heute gesehen habe?“ Diese viralen Effekte vergibt das Design der Aufkleber und der Fokus auf die Zeitung.

„Tschuldigung, wir wollen nicht stören“?

Eine andere Frage ist, was Protest wert ist, wenn er wie vom sh:z bemerkt, nicht auffällt: Vermutlich gar nichts. Beim Protest geht’s um Auffallen und ums Stören. Damit einem anschließend zugehört wird, warum man das tut. Aber nicht nur die landwirtschaftlichen Neu-Aktivist_Innen reden sich vermutlich ein, dass Protest nett, kuschelig und niemanden stören darf und nur dämliche sogenannte „positive“ Botschaften enthalten dürfte. Dieses Problem grassiert leider auch unter selbsternannten Vollzeitaktivist_Innen in der linksradikalen Szene (wer sich auch darüber ärgert, sei die entsprechende Satire einer „Roten Armee“ die immer nett fragt und nicht stören will, im Scheibenwelt-Roman „Einfach Zauberhaft“ empfohlen. Als Hörbuch hier zu finden).

Flyer mitnehmen
Dabei lässt sich dieses Problem eigentlich ganz einfach lösen. Zwei Neu-Aktivist_is, die Flyer mit dem Inhalt des Protestes verteilen, würden schon für mehr Vermittlung und Aufmerksamkeit sorgen (wie komplex dieses Problem jedoch zu sein scheint, erschließt sich, wenn man zählt, auf wie vielen linken Demos dieser Rat auch nicht beherzigt wird).

sh:z vom 12.12.2015

Banner mit Messsage
Das zweite Foto im Artikel zeigt, warum ein Banner eigentlich immer und erst Recht bei Presseterminen sinnvoll ist. Der Journi fotografiert Menschen und Gesichter (ist das spannendste für Medien und personalisiert das Ganze auch gleich). Allerdings sind ähnliche Gruppenfotos immer in der Zeitung. Es braucht also zum einen einen Eye-Catcher, aber auch etwas, dass das Bild von anderen Gruppenfotos in der Zeitung unterscheidet. In diesem Fall sind es die Milchtüten. Und wer genau hinschaut, erkennt die Aufkleber. Zu lesen ist die Botschaft leider nur mit Fantasie. Ein Banner würde dieses Problem lösen. Eine Flugblattaktion mit Banner vor dem Eingang würde vermutlich mehr Aufmerksamkeit und direkte Vermittlung generieren. Und nebenbei genug Ablenkung schaffen, damit eine zweite Gruppe unerkannt jede Menge Aufkleber im Kühlregal unterbringen könnte.

Kreativität gefragt
Es soll auch schon Aktionen gegen haben, bei denen das Banner nicht einfach auf dem Parkplatz gehalten wurde, sondern vom Dach des Supermarktes wehte. Und auch kreative unsichtbare Theater sind denkbar. Eine Person könnte mit der Milchtüten in der Hand eine beim Supermarkt angestellte Person fragen: „Warum ist die Milch eigentlich so preisgünstig?“. Vermutlich ist die angestellte Person erst einmal überfordert und wird sich irgendwie aus der Affäre ziehen. Jetzt mischt sich eine weitere Person ein und bepöbelt z.B. die erste Person: „Ist doch super, wenn die Milch so günstig ist!“ Kurzes Abwarten, ob Personal oder andere Kunden sich schon einklinken. Dann nächste Intervention einer weiteren Person. Diesmal mit solidarischen Bezug: „Mein Nachbar ist Landwirt. Die Einnahmen aus der Milch decken kaum die Kosten. Das wir hier viel zu billig verkauft!“ Und jetzt kann man sich munter einen Showkampf liefern.

Bezüge aufmachen
Erfahrene Kommunikationsguerillas stehen jetzt in einer ganz anderen Ecke des Ladens und fragen Unbeteiligte: „Huch? Was ist den da los?“ Und schon geht das Spiel im ganzen Supermarkt weiter. Und wenn jetzt irgendwer Flyer verteilt, werden die auf einmal auch gelesen. Und die ganz Abgebrühten haben ein weiteres Team dabei, dass das angerichtete Chaos nutzt, um heimlich die Scheißteuer-vegan-Schnitzel-Luxus-Abteilung zu plündern und für die WG einen Monatsvorrat unerkannt raus zu schleppen.

Absurdes Theater
Ähnliche Effekte lassen sich auch mit dem Theaterstück „Mars-TV“ erreichen. Die Theatergruppe tritt verkleidet als Marsmenschen auf. Zwei der Mitmachenden halten z.B. ein mit Fassadenfarbe und Schere zum Fernsehmonitor umgebautes Bettlaken. Der dritte Schauspielende macht den Moderator: „Gut Tag meine Damen und Herren. Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Mars-TV. Heute sind wir auf der Erde, um das Geheimnis der viel zu billigen Milch zu ergründen. Überall in der Galaxie werden faire Preise gezahlt, nur auf der Erde nicht. Diesem Phänomen werden wir jetzt mal auf den Grund gehen!“ Gesagt getan. Ran an Kunden und den Supermarktleitenden mit Fragen nach dem Milchpreis (Nett aufgearbeitetes Aktionsbeispiel aus 2007 anlässlich einer öffentlich angekündigten Genfeld-Zerstörung).

Legal, illegal, scheißegal?
Interessanterweise fehlt der bei der Berichterstattung über ähnlichen Aktionen sonst selbstverständliche Hinweis, dass das ganze eine Sachbeschädigung ist. Auch von dem betroffenen Konzern scheint es keine Öl ins Feuer gießende Reaktion zu geben. Dabei geht Aldi Nord durchaus gegen linke Veganer_Innen vor, die ebenfalls mit Aufklebern auf Milchprodukten für ihre politischen Ziele werben. Vermutlich haben die landwirtschaftlichen Neu-Aktivist_innen tatsächlich nichts zu befürchten. Die Landwirtschaftsverbände sind in Schleswig-Holstein ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor. Und die einzige landesweite Zeitung kollaboriert in diesem Beispiel de facto mit den Neu-Aktivist_Innen, wie die Berichterstattung zeigt. Bei diesem gesellschaftlichen Kräfteverhältnis kann man sich so was vermutlich erlauben. Aber auch weniger privilegierte Akteure dürften gute Chancen haben, mit den hier geschilderten Aktionen einfach durchzukommen. Denn zum einen müssen es die Supermarktleitenden in dem angerichteten Kommunikations-Chaos erst mal schaffen, die Cops zu rufen. Und dann müssen die auch noch schnell genug da sein. Und dann müssen die in der Lage sein, blitzschnell trennscharf zwischen Kunden und Kommunikationsguerillas unterscheiden, bevor sich alle Aktivistis unauffällig abgesetzt haben… Viel Spaß.

Mehr Infos:

Mehr Aktions-Analysen:
http://maqui.blogsport.eu/kommunikationsguerilla-analyse/

Über das Verhältnis von Kunst und Kommunikationsguerilla:
http://maqui.blogsport.eu/2015/11/20/das-verhaeltnis-von-kunst-und-politik-beim-adbusting/

Theoretisches Praktisch:
http://maqui.blogsport.eu/theoretisches-praktisch/