Gender-Trouble-Ausstellung in den Nasszellen im SoWi-Institut an der HU Berlin

Interessantes gibt’s von der Humboldt-Uni zu vermelden. Dort hat am Institut für Sozialwisenschaft ganz schlimmes Gender-Chaot*Innen-Pack zugeschlagen und die Nasszellen in „Gender-Trouble-Ausstellungen“ verwandelt. Und die mutmaßlichen Studies machen dabei trotz des universitären Elfenbeinturms einiges richtig…

Die „Ausstellungen“ bestehen größtenteils aus Papier an der Wand. Kernstück scheinen im Manga-Comic-Style erstellte Poster mit Fragen an die Lesenden. „Beobachtest du dich manchmal bei krampfhaften Versuchen, unbekannte Menschen einem der vorgegebenen Geschlechtern zu zu ordnen?“ „Bist du sicher, ob Zuneigung an Geschlechter gekoppelt sein muss? Wäre es nicht interessa nt, sich in konkrete Personen zu verlieben?“ „Wie sind reprodukive Arbeiten in deinem Al ltag verteilt – wer kocht, repariert, räumt auf usw.? Gibt es versteckte Zuständigkeiten und Rollen?“ (alle anscheinend zehn Tafeln finden sich -> hier <- ). Dazu poserige Figuren mit Sprüchen a la „Ja, lass uns anfangen: Direkte Interventionen gegen sexistische Anmache, Aktionen gegen Staat und Militär usw.“ und „Keine Lust mehr mehr auf genormte Sexualität und Zweigeschlechtlichkeit. Verdammt. Es wird Zeit, diese patriarchale Ordnung aufzumischen.“

„Sexismus ist blöd“
sagen die Urheber*Innen der Aktion. Weiter heißt es: „Von Geburt an werden Menschen darauf zugerichtet, einem der zwei vorgegeben Geschlechter zu entsprechen und die entsprechende Sexualität zu entwickeln. Wer ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale auf die Welt kommt, wird chirurgisch und hormonell angepasst. Solche Gewalt ist allerdings nur selten nötig: Ob Medien, Spielzeug, Wissenschaft oder Stammtischgespräch: Die zweigeschlechtliche Norm durchzieht die Gesellschaft bis in die letzten Winkel. Völlig selbstverständlich reproduzieren (fast) alle Menschen in ihrem Alltag die typischen Rollenlogiken. Diskriminierung und sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist dabei fester Bestandteil dieser Normalität. „Fuck gender!“ meint den Widerstand gegen die Kategorisierung von Menschen. Der Traum dahinter ist eine Welt ohne Einteilungen in m/w, homo/heterosexuell usw. „Fuck gender!“ meint den Versuch, Geschlechterrollen und damit einhergehende Hierarchien zu hinterfragen. Den Versuch, Sensibilität für geschlechtsspezifisches Verhalten zu schaffen. Und die Welt jenseits von Rollenbildern und normierter Heterosexualität wenigstens ansatzweise zu entdecken.“

Elfenbeinturm?
Mensch könnte nun einwenden, dass die Aktion typisch für Studis sei und nicht einmal geographisch ihren universitären Elfenbeinturm verlassen würde. Auch die Fixierung auf Aborte und Geschlechtsteile könnte man als sonderbar hinterfragen. Aber unabhängig davon, wie viel die Sowi-Studie sich bei ihrer Aktion gedacht haben mögen, lässt sich an der Aktion einige wichtige Aspekte für gelungene Kommunikationsguerilla-Aktionen aufzeigen.

Wirken in Communities

Das Augenscheinliche zuerst: Aktionen zielen auf die Erzeugung von Kommunikation über Inhalte, über die bisher nicht geredet wird. Das klappt dort am besten, wo es trotz Postmoderne und Individualisierung zwischen Menschen noch soziale Netzwerke gibt. Das dürfte unter den Studis eines Instituts noch zumindest ein bisschen der Fall sein.

Totalität schaffen

Und dann müssen Offline-Aktionen gesehen werden. Sie müssen ins Zentrum. Dorthin, wo sich die Leute treffen. Und alle erreicht. Dummerweise sind die zentralen Orte meistens auch entsprechend überwacht. Ausnahme: Die Klos eines Instituts. Diesen Ort besuchen fast alle Mitglieder der oben erwähnten Community mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit früher oder später. Man versuche einmal, sich einen Ort auszudenken, der diesen Totalitätseffekt beim Erreichen des Zielpublikums gewährleistet…

Geistige Leerlaufmomente
Und dann stellt sich die Frage, ob trotz des Verdachtes zur Nicht- oder Überwindung der analen Phase der Ort auf den Nasszellen nicht doch besonders gut gewählt ist. Es gibt einige Orte, die für Werbung besonders prädestiniert sind. Das sind Orte, an denen Menschen eigentlich andere Dinge tun, die nicht besonders gedankenintensiv sind. Fahrstühle, Rolltreppen, Treppenhäuser, U-Bahn-Wände und Toiletten sind solche Orte. Wenn das Gehirn Leerlauf hat, setzen sich Botschaften und Messages besonders gut fest. Dieser Effekt dürfte bei der Klo-Aktion der SoWi-Studis funktioniert haben, da die Fragen, die sie auf ihren Postern stellen, sehr kurz und eingängig sind.

Nexus aus Raum, Zeit und Thema

Darüber hinaus bildet die Aktion einen Nexus aus Raum, Zeit und Ort. Die Aktion thematisiert Zweigeschlechtlichkeit. Diese wird u.a. an der Zuweisung der Klotüren sichtbar gemacht. In dem Moment, in dem Menschen die Klos betreten wollen müssen sie sich einsortieren in die Geschlechterordnung. Und dann werden sie konfrontiert mit den diese Einsortierung hinterfragenden Fragen auf den Postern. Diese Wirkung dürfte stärker sein durch den Aspekt, dass der Gang aufs Klo zumindest für Männer eine der wenigen Momente am Tag sein, wo sie mit sich selbst körperlich werden. Ein gelungener Aspekt der Aktion dürfte zudem sein, dass die Aktion die Geschlechterordnung aufhebt: Die SoWi-Studis scheinen auf den Klos für Männlein und Weiblein die selben Poster verwendet haben.

Mehr Infos:

Die Gender-Trouble-Ausstellung in den Nasszellen des SoWi-Instituts an der HU:
https://linksunten.indymedia.org/de/node/157301

Weitere Analysen von Kommunikationsguerilla-Aktionen:
http://maqui.blogsport.eu/kommunikationsguerilla-analyse/

Politische Theorien an aktuellen Beispielen anschaulich und unterhaltsam erklärt:
http://maqui.blogsport.eu/theoretisches-praktisch/

Adbusting zur deutschen Einheit:
http://maqui.blogsport.eu/2015/10/04/berlin-adbusting-zur-einheitsfeier/

Adbusting und Argumente gegen Militär:
https://maqui.blogsport.eu/2015/10/26/adbusting-und-argumente-gegen-militaer/