DPA meldete am 30.9.2015, das die Fluggesellschaft Ryanair beschlossen habe, alle Menschen ohne vorherige Prüfung des Aufenthaltstitels nach Europa zu fliegen. Doch was zunächst nach einem spannenden Kommunikationsguerilla klingt, versandete leider ziemlich schnell. Der Versuch einer Aktionsanalyse.


Ryanfair?

Am 30.9.2015 meldet die Deutsche Presseagentur DPA, das die irische Billigairline „Rianair“ eine Initiative zur humanitären Hilfe in der sogenannten „Flüchtlingskrise“ gestartet hätte. Kern der angeblichen „Ryanfair“-Initiative sei es, Menschen aus den Randgebieten der EU auch ohne gültiges Visa in die Kernländer des Schengenraumes und Großbritannien zu fliegen. Die dafür pro Person ohne Visa anfallende Strafe von 3000,00 Euro würde der Konzern übernehmen. Der nicht gerade für soziales Engagement bekannte Konzern wolle damit einen kleinen Beitrag zur Hilfe für Flüchtlinge leisten, hieß es in einer versendeten Pressemitteilung und auf der Homepage „ryanfair.org“.

Das Dementi
Doch nicht einmal zwei Stunden später folgt wieder via DPA das Dementi. Die angekündigte Neuigkeit sei eine Fälschung. Wir sind einem Fake aufgesessen: dpa zieht @Ryanair-Meldung zurück und entschuldigt sich bei Kunden und Airline“ verkündete die Presseagentur via Twitter.

Spannender Aktionsauftakt?

Was zunächst nach einem spannenden Aktionsauftakt klingt, versandet leider ziemlich schnell. Denn in der Folge berichtet fast keine Zeitung kritisch über den sonderbaren Fakt, dass im Schengen-Regime ein privater Akteur wie eine Fluglinie zum einen mit drakonischen Strafen anderseits durch umfassenden Befugnisse de facto staatliche Aufgaben bei der Verhinderung von Migration übernimmt. Statt dessen wird fast ausschließlich hämisch bis problematisierend über die offensichtliche Recherche-Panne der DPA berichtet. Der Focus nutzt die Story sogar für einen Werbeartikel über eine echte neue PR-Kampagne, die am selben Tag startete. Und natürlich interessiert die Medien, wer den die Leute sind, die dahinter stecken. Interessant dabei sind zwei Dinge: Zum einen begegnen die Medien den Tätern durchaus mit Sympathie. Und eigentlich hat niemand eine Ahnung, wer dahinter steckt…

Grenzen und Möglichkeiten von Kommunikationsguerilla
Diese offensichtlich gut geplante Aktion zeigt deutlich die Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikationsguerilla. Was der Aktion gut gelingt, ist zu zeigen, wie wenig Auffand eigentlich für eine gute Kommunikationsguerilla nötig ist. Um den hier entstandenen Erregungskorridor zu erreichen, war außer einem bisschen Glück nur eine gut gecoverte Homepage und eine gut überlegte Mailadresse notwendig. Zwar wird in der Berichterstattung über den DPA-Fail von allen Beteiligten so getan, als sei das Fake auf den ersten Blick erkennbar gewesen. Doch warum sollte eine Image-Kampagne von ryanair nicht tatsächlich „ryanfair“ heißen? Und warum sollte ein Konzern nicht, wie anhand der „Whois-Domain-Abfrage“ erkennbar, eine derartige Seite extra für eine derartige Aktion registrieren? Und wer weiß bitte schon die Domain-Endung eines bestimmten Konzerns mit 100% Sicherheit sagen?

Nicht-Nutzung des Erregungskorridors
Was der Aktion hingegen nicht gelingt, ist die Nutzung des entstandenen Erregungskorridors. Nur das Thema in die Öffentlichkeit zu zerren, reicht nicht. Mindestens so wichtig wie die konkrete Aktion ist die anschließende Vermittlung. Irgendwie hätte noch in den entstandenen Erregungskorridor nachgetreten werden müssen. Sei es mit einer erneuten PM, einem Video, einer weiteren Aktion oder vielleicht sogar eines öffentlichen Auftritts.

Erregungskorridore nutzen
Wie so etwas funktioniert, zeigen die zum Beispiel die Yesmen. Diese relativ bekannte Gruppe aus den USA arbeitet ebenfalls mit gefälschten Web-Pages. Diese nutzt die Gruppe als Köder, um ähnliche Erregungskorridore in den Medien zu erzeugen. Auch die Message ist eine ähnlich systemkonforme. Die Fakes sollen zeigen, dass die Attackierten auch anders handeln könnten (was sie im Kapitalismus natürlich nicht können. Da liegt der Reformismus begraben…). Bei den Yesmen spielt aber das Outing und die anschließende vermittlung mit Interviews, TV-Auftritten usw. eine sehr große Rolle. Das fehlt im Beispiel von Ryanfair völlig. Das letzte auf der Homepage eingestellte Werk ist die verschickte PM. Mittlerweile ist die Seite nicht einmal mehr im Web. Die hier vertanen Chancen zeigen deutlich, wie sehr in einer Aktionsplanung bereits die Frage der anschließenden Vermittlung eine wichtige Rolle spielen sollte.

Diskurse analysieren notwendig

Neben dieser handwerklichen Frage um die Vermittlung zeigt das Beispiel aber noch mehr. Das Beispiel zeigt, dass Akteure der Kommunikationsguerilla ein gutes Gespür für Diskurse und Diskursverschiebungen haben müssen. Ein Fake-Aktion der Kommunikationsguerilla unterscheidet sich von einer Fälschung erheblich, auch wenn beides zunächst sehr ähnlich erscheint. Eine Fälschung will auf keinen Fall enttarnt werden. Bei der Kommunikationsguerilla gehört die Entdeckung und die Auflösung explizit zum Konzept dazu. Das Fake funktioniert dann am besten, wenn es haarscharf auf der Scheide zwischen Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit läuft. Nur, wenn es echt aussieht, aber trotzdem Zweifel weckt, entsteht Kommunikation. Nur dann fragt eine betrachtende Person sich ob das eigentlich echt sein kann, und fragt: „Du Heinz? Guck mal hier…“ Und nur nach einer Auflösung und Enttarnung wird ein Fake zum Gesprächsthema oder zur medialen News, wie das Beispiel von „ryanfair“ deutlich zeigt. Und genau um dieses „auf der Scheide zwischen Wahrheit und Lüge“ schippern hinzubekommen, braucht eine Kommunikationsguerilla ein so dezidiertes Gespür für Diskurse.

Auf verändernde Diskurse reagieren

Problematisch wird das nun, wenn sich Diskurse schnell verändern. Dann wird das, was gestern noch Satire war, sehr schnell Realität. Nun ist das leider eine Situation, mit der Linksradikale strukturell kaum umgehen können. Linksradikale haben jede Menge super Modelle, die die Realität beschreiben. Diese Modelle erklären vor allem, warum sich nichts verändert und linksradikale Arbeit nichts bringt und sich nichts verändert. In dem Moment, wo sich Diskurse nun verändern, versagen unsere Vorhersage-Modelle, ausgerechnet, weil auf einmal gesellschaftliche Dynamik entsteht (ein Versuch, Begriffe für Wandel zu finden, findet sich hier: ).

Das Rad immer einen Schritt weiter drehen
Warum das Reagieren auf sich verändernde Diskurse für Kommunikationsguerilla wichtig ist, zeigt auch die „ryanfair“- Aktion. Um das zu verdeutlichen, sei die „ryanfair“-Aktion mit der „fluchthelfer.in“-Aktion des Berliner Peng!-Kollektives kontrastiert. Diese Aktionsgruppe veröffentlichte Anfang August 2015 ein Image-Video. In diesem Video wurde in einer strunzkonservativen Wohlfühlbildsprache einschließlich neokolonialer „Weiße retten Schwarze“-Motiven appellierte die Gruppe an die Betrachtenden, auf der Heimreise aus dem Sommerurlaub im südlichen Europa Illegalisierte unentgeltlich mit in den Schengen-Raum zu nehmen. Die unglaublich konservative Gesellschaftsbilder reproduzierende Kampagne wurde trotzdem ein Erfolg. Der Grund dafür liegt in der Aufforderung, ein Gesetz zu brechen. Diese offene Ankündigung einer Straftat reicht im autoritätshörigen Deutschland regelmäßig, um breite gesellschaftliche Debatten auszulösen.

Aufforderung zu Straftaten als mediales Kalkül
Zunächst scheint die „ryanfair“-Kampagne genau so zu arbeiten. Scheinbar kündigt Ryanair an, ab so fort sich der Fluggesellschaft aufgelegten Kontrollpflicht zu widersetzen und die Strafe dafür in Kauf zu nehmen. Doch der Zeitpunkt ist ein anderer. Mittlerweile haben wir Ende September und es sind sieben Wochen ins Land gezogen. In diesen sieben Wochen ist u.a. die deutsche Bundesregierung selbst zur Fluchhelferin geworden. Im Kontext des europäischen Mauerfalls und des zeitweiligen Zusammenbrechens des Schengen-Grenzregimes hat ein diskursiver Erdrutsch stattgefunden. In diesem diskursiven Klima erscheint die gefälschte Meldung zum einen so glaubwürdig, dass sie der DPA einfach so in den Newsverteiler rutscht (wenn es nur darum ginge, wäre die Aktion sehr erfolgreich). Doch im veränderten Diskurs ist der Inhalt der Fälschung nicht visionär genug, um Debatte auszulösen. Das Individuen sich individuell über das Schengen-Regime hinwegsetzen und Refugees ausnahmsweise mal rein dürfen, ist Ende September im Gegensatz zu Anfang August zumindest kurzfristig normal geworden.

Diskurse weiterdenken
Eine gelingende Kommunikationsguerilla muss solche Entwicklungen reflektieren können. Wenn sich ausnahmsweise mal im gesellschaftlichen Diskurs etwas in eine emanzipatorische Richtung verschiebt, reicht es nicht, einfach weiter zu machen wie bisher. Statt dessen müsste überlegt werden, was in der geänderten gesellschaftlichen Situationen nun emanzipatorische Forderungen sein könnten, die die Grenze des Denkbaren wieder ein Stück weiter in Richtung Utopie zu verschieben. Schließlich ist dies die größte Stärke der Kommunikationsguerilla.

Mehr Infos:

Diskursverschiebungen und der „Europäischen Mauerfall“:
http://maqui.blogsport.eu/2015/10/01/der-europaeische-mauerfall-und-der-macht-begriff-hannah-arendts/

Mehr Kommunikationsguerilla-Aktionsanalysen:
http://maqui.blogsport.eu/kommunikationsguerilla-analyse/

Mehr politische Theorie einfach erklärt:
http://maqui.blogsport.eu/theoretisches-praktisch/

Das Besondere an demokratischer Herrschaft:
http://maqui.blogsport.eu/2015/09/07/das-besondere-an-demokratischer-herrschaft/

Der Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde über das Kapern und Verändern von gesellschaftlichen Narrativen:
https://www.youtube.com/watch?v=6UFtfGTMYLw