Adbusting aus Freiburg, 2010

Nationalismus ist eine Ideologie, die von der Existenz von Nationen ausgeht. Darüber hinaus halten NationalistInnen das Konstrukt der „Nation“ für die einzige legitime Form politischer Organisierung. Deshalb sind sie auch der Meinung, dass diese Nation die politische Gewalt monopolisieren und anwenden dürfe. Und hier wird’s spätestens ungemütlich: Angewendet werden darf diese Gewalt in den Augen von NationalistInnen sowohl nach Innen gegen alle, die nicht in ihre Vorstellungen passen, als auch nach Außen gegen andere Nationen.

Nationen gibt es nicht?
Doch noch einmal einen Schritt zurück. Das Nationen erfunden wurden, heißt nicht, dass es sie nicht gibt. Vielleicht hast du die bei NationalistInnen von rechts über grün bis links beliebte Floskel gehört, dass „die da noch nicht so weit seien“. Bei dieser Floskel wird unterstellt, dass es in Europa Nationen gäbe, und man allerlei politische Probleme im Rest der Welt damit erklären könne, dass es dort keine oder keine „richtigen“ Nationalstaaten gäbe. Der rassistische eurozentristische Aspekt, der die neokolonialen Ausbeutungseffekte in der Weltwirtschaft vernebelt, sei hier einmal nicht weiter thematisiert. Es geht um den Kern der Floskel, der den NationalistInnen in ihrer Verblendung nicht mehr auffällt.

Nationen dekonstruiert
Wenn es nicht überall, wo Menschen leben, Nationen gibt, dann liegt der Schluss nahe, dass Nationen nichts quasi-natürliches biologisches sind. Statt dessen werden sie von Menschen erst gemacht. Das es mit der angeblichen Natürlichkeit von Nationen nicht weit her ist, zeigt eine Betrachtung der Kriterien, die nach Meinung der NationalistInnen eine Nation ausmachen würden.

Nationale Sprache?
Beliebt als Abgrenzungsmechanismus ist die Sprache. So einleuchtend das klingen mag, fällt auf, dass in mindestens vier Ländern die Sprache Deutsch gesprochen wird, die aber alle darauf bestehen, eine eigene Nation zu sein. In der Nation Belgien ist es anders herum: Dort gibt es drei Sprachen. In der Schweiz werden sogar vier Sprachen gesprochen. Und ob Hochdeutsch und Bayrisch dieselbe Sprache ist, sei auch mal dahingestellt.

Nationales Gebiet?
Beliebt ist auch die Annahme, dass Nationen ein bestimmtes Territorium bewohnen würden. Doch wenn man sich ansieht, wie in Europa in den letzten 200 Jahren die Ländergrenzen hin-und her gewabert sind, kann man daran Zweifel bekommen.

Nationale Geschichte?
Dabei ist die angeblich gemeinsame Geschichte auch ein beliebter Ansatzpunkt für eine gemeinsame Geschichte. Dabei kommt dann raus, dass sich z.B. gleich zwei Nationen (Frankreich und Deutschland) als Nachfolgende des Frankenreich Karls des angeblich Großen (747-814) ableiten. Und Nationen wie die USA verzichten völlig auf den Großteil der Geschichte, die sich auf ihrem Territorium abspielte. Ob das fast 1000 Jahre zu Dänemark gehörende Schleswig-Holstein mit dem oft französischen Saarland oder dem lange habsburgerischen Bayern überhaupt eine gemeinsame Geschichte hat, sei einmal dahingestellt. Was die Analyse zeigt: Nationen gibt es, weil Menschen glauben, dass es Nationen gibt. Ein klassischer Fall des Thomas-Theorems: Wenn Menschen Imagenationen für real halten, kann dies reale Konsequenzen haben.

Die Schaffung der Nationen
Doch wenn alle Kategorien für die Definition von Nationen derart leicht als diskursive Konstrukte zu erkennen sind, wie konnte es geschehen, dass in Europa tatsächlich Nationen entstanden? Es wurde oben schon angedeutet: Nationen wurden von Menschen gemacht. Dies fand zwischen dem 18. und den 20. Jahrhundert statt. Im 17. Jahrhundert begann in Europa die zunächst sehr langsam die Industrialisierung. Nicht-Adlige Leute, die zu Geld gekommen waren, investierten in moderne wissenschaftliche Produktionsmethoden. Dies führte durch das marxsche Gesetz der fallenden Profitrate nicht nur dazu, dass mehr Bürgerliche reich wurden. Es führte auch dazu, dass die landwirtschaftlichen Güter der Adligen weniger profitabel wurden. Zeitgleich findet die Herausbildung der modernen Territorialstaaten statt. Die Herrscher sind in dieser Zeit auf massive Geldmittel angewiesen. Dies ist in der Zeit beim wohlhabenden und neureichen BürgerInnentum zu haben. Im Gegenzug werden immer mehr der entstehenden Staatsämter und Funktionen für Bürgerliche geöffnet. Langfristig musste diese Entwicklung zu Konflikten zwischen Bürgertum und Adel um die politische Macht im Staat führen.

Vorteil durch Ideologie
Zunächst hatten die Adligen trotz der langfristig für sie negativen ökonomischen Vorzeichen der Zeit die Nase vorn. Ihr Vorteil war die Ideologie. Die damals allgemein diskursiv akzeptierte Herrschaftsideologie bestand aus leicht modernisierten mittelalterlichen Vorstellungen. In diesem Diskurs gab es die Vorstellung, dass es einen Gott gäbe. Dieser Gott sei allmächtig und allwissend. Deshalb habe er die beste aller Welten geschaffen. In dieser besten aller Welten habe er jeden auf den für ihn beste gesellschaftliche Position gesetzt. Der König ist also König, weil Gott in dieser besten aller Welten den König auf den für ihn besten Platz gesetzt habe. Und der Subalterne ist subaltern, weil dies laut des allwissenden Gottes die beste gesellschaftliche Position für ihn sei.

Unterdrückung mittels Ideologie
Wer aufgepasst hat, hats geschnallt: Diese Ideologie bedeutet für die reichen Bürgerlichen, dass sie sich gegen Gott versündigen, wenn sie versuchen, den Adeligen die politische Macht streitig zu machen. Unter anderem aus diesem Grund beschäftigt sich die tief bürgerliche Aufklärung so viel mit langweiligen Gottesbeweisen, die dann alle nicht klappen: Für eine erfolgreiche Veränderung der Machtverhältnisse darf sich das lesende, gebildete Publikum keine Sorgen mehr um die Strafe im Jenseits machen müssen.

Abgrenzug nach unten
Doch das Bürgertum hat noch ein anderes Problem mit der auf Gott verweisenden Begründung des frühneuzeitlichen Herrschaft. Dieses Problem ist, dass auch die Armen, der Pöbel, die ArbeiterInnen an Gott glauben. Uns solange sie glauben, dass ihre Ausbeutung durch das BürgerInnentum gottgewollt ist, ist auch die Revolte gegen die ArbeitgeberIn Gotteslästerung. Mit der Polemik gegen Gott, Adel und die auf Gott rekurrierende Herrschaftsideologie sägt die Bourgeoisie auch am eigenen Ast. Um nach einer Veränderung der politischen Ortnung nicht mit den Armen teilen zu müssen, musste dass BürgerInnentum es schaffen, eine Ideologie zu entwickeln und allgemein durchzusetzen, die die Privilegien des Adels verneint, die des BürgerInnentums aber wahrt. Diese Ideologie ist wenig überraschend der Nationalismus.

Das allgemeine nationale Wohl
Kernpunkt der politischen Organisation des Nationalismus ist der Nationalstaat. Dieser soll möglichst alle Angehörigen einschließen (ist das nicht der Fall, hat man einen super-duper Kriegsgrund). In diesem Nationalstaat gibt es dann angeblich eine am Wohle der Nation orientiert Politik. Was dieses allgemeine Wohl der Nation ist, wird diskursiv geregelt. Zeitungen, Fernsehen, Buchverlage usw. als zentrale Möglichkeiten der Einflussnahme auf den Diskurs gehören dem BürgerInnentum. So ist sichergestellt, dass der Aushandlung des Allgemeinwohls Eigentum und Wirtschaftswachstum als zentrale Elemente rauskommen. Parallel dazu haben die ebenfalls bürgerlichen oder verbürgerlichenden Milieus der staatlichen FunktionsträgerInnen zunehmend ein Eigeninteresse, das ebenfalls die Existenz und der Ausbau des Nationalstaats als allgemein wohlschaffend für die Nation gelten.

Erfindung der Wissenschaft im Dienste der Nation
Und so mühen sich Generationen von bürgerlichen AkademikerInnen (allen voran der Säulenheilige Hegel) damit ab, zu beweisen, dass es Nationen gibt. Die Germanistik wird erfunden, um die Genese der Nationalsprache zu erforschen. Dass die GermanistInnen das Hochdeutsch erst erfinden müssten, zeigt, welche Probleme sie dabei hatten. Die Geographie entsteht, um all die Grenzen zwischen Nationen auf Karten malen zu können. Die Ethnographie wird erfunden, um dann den Leuten in den gezogenen Grenzen irgendwelche mehr oder weniger passende Eigenschaften zuzuweisen und dann die angeblichen „Nationalkulturen“ zu erforschen. Doch allen voran geht die Geschichtswissenschaft. Bis weit ins 20. Jahrhundert ist hier das Erzählen von angeblicher Nationalgeschichte angesagt. Viele Standartbücher aus dieser Zeit wirken heute wie die Fortsetzung der Grimmschen Märchen mit komplizierterer Sprache.

Nation geschaffen durch Krieg und Militär
Wie wenig Erfolg diese albernen Unternehmen zunächst hatten, zeigt, dass zunächst fast niemand bei der Nation mitmachen wollte, und die „Nation“ bis weit in 19. Jahrhundert eine ausschließliche Angelegenheit von ProfessorInnen war. Und so musste die deutsche Nation schließlich mit drei Kriegen gegen massive Widerstände durchgesetzt werden. Auch in den Folgejahren blieb die Nation eine Angelegenheit des Militärs. Der gemeinsame hochdeutsche Sprachraum entstand erst dadurch, das mit der allgemeinen Wehrpflicht und der reichsweiten Stationierung der RekrutInnen diese mit dem zum „Hochdeutsch“ erklärten preußischen Dialekt als gemeinsame Kommando-Sprache in Berührung kamen. Verstärkt wurde dies durch die allgemein Schulpflicht. Auch hier war der preußische Dialekt Pflicht, da die ersten Generationen von SchulmeisterInnen aus dem Kreis von aus dem aktiven Dienst ausscheidenden preußischen Unteroffizieren rekrutiert wurden. Wie sehr die zunächst prekäre Idee der Nation nach der militärisch durchgesetzten Reichsgründung und der militaristischen Innenpolitik im Kaiserreich Fortschritte machte, kann man am Ende der zweiten Internationalen sehen. Innerhalb einer Generation seid der Reichsgründung war es gelungen, der Sozialdemokratie derart das Gehirn zu waschen, dass diese begeistert von nationaler Einheit mit in den ersten Weltkrieg marschierte.

Zufriedene und unzufrieden NationalistInnen
Heute gibt es keine einzige ernstzunehmende Partei mehr, die nicht an die Existenz und Notwendigkeit von Nationen glaubt. Bis weit in die Linksradikale hinein wird geglaubt, dass die deutsche Nation wie selbstverständlich Bezugsrahmen der eigenen Politik sein müsse. Und so ist der scheinbare Widerspruch zwischen DemokratInnen und Nazis eigentlich ein Streit zwischen zufriedenen NationalistInnen und unzufriedenen NationalistInnen. Die Nazis sind unzufrieden und sehen dass allgemein Wohl der Nation bedroht. Deshalb reagieren sie aggressiv und reden den Quatsch, den Nazis so reden. Die zufriedenen NationalistInnen hingegen sehen das Wohl der Nation im großen und ganzen auf einen guten Weg. Ob Deutschlands Einfluss in Europa, Exportweltmeister Deutschland, Fußballweltmeister Deutschland, wir waren Papst, eigentlich läuft alles ganz gut für die Nation in den Augen der zufriedenen NationalistInnen.

Kein Widerspruch zwischen DemokratInnen und FaschistInnen?
Problematisch ist, dass es keinen wirklichen Widerspruch zwischen zufriedenen DemokratInnen und unzufriedenen Nazis gibt. In dem Moment, wo ein bisher zufriedener Nationalist unzufrieden wird, fängt er an, den selben Quatsch zu reden wie unzufriedene NationalistInnen. Beispiele dafür sind die SozialdemokratiInnen Thilo Sarrazin, Wolfgang Clement oder Heinz Buschkowsky. Ein aktuelles Beispiel dürfte der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer sein, der neuerdings in vollendeter „Das-Boot-ist-voll!“-Manier dahin schwafelt.

Es gibt keinen harmlosen Nationalismus
Und das ist das große Problem mit dem Nationalismus. Es gibt keine harmlose Vaterlandsliebe. In dem Moment, wo man den Müll mit den Grenzen geschluckt hat, sortiert man Menschen nach der Frage der Zugehörigkeit zur Nation. Es ist ab da nur eine Frage der Umstände und Diskurse, ob man sich eine wehrhafte Demokratie oder ein faschistische wahre Volksherrschaft wünscht.

Mehr Infos:

Einigkeit und Recht und Ausländerfeindlichkeit?
http://maqui.blogsport.eu/2015/09/30/einigkeit-und-recht-und-auslaenderfeindlichkeit/

Das Besondere an demokratischer Herrschaft?
maqui.blogsport.eu/2015/09/07/das-besondere-an-demokratischer-herrschaft/

Wie Postdemokratie funktioniert:
http://maqui.blogsport.eu/2015/09/07/wie-postdemokratie-funktioniert/

Kommunikationsquerilla-Analysen:
http://maqui.blogsport.eu/kommunikationsguerilla-analyse/