Ende September boomt die Kommunikationsguerilla. Zumindest könnte man das meinen, wenn man sich anschaut, wie viele unterschiedliche Veranstaltungen sich zwischen dem 19.9. und dem 27.9. mit Themen des kreativen Protestes beschäftigen. Eine Vorstellung der Termine und eine kritische Einschätzung des Hypes.


Kommunikationsguerilla in Hamburg auf dem JUKO

In Hamburg findet vom 18.9. bis zum 20.9. der sogenannte „Offene Linke Jugendkongress“ statt. Laut Werbe-Homepage findet im Rahmen des dortigen Programms am Samstag, den 19.9. um 17.30 bis 19h ein Workshop zu Kommunikationsguerilla statt. Der leicht provokante Werbetext lässt gutes hoffen:

„Viel zitiert, wenig umgesetzt: Die Kommunikationsguerilla. Dabei müssen es nicht unbedingt superkrasse Hochglanz-Aktionen sein. Im Gegenteil, Kommunikationsguerilla hat das Potential, auch mit bezahlbaren „Bordmitteln“ gerade kleinen Underdog-Gruppen mit antagonistischen Themen überproportionalen Zugang zum gesellschaftlichen Diskurs zu öffnen. Wie das funktionieren kann, soll hier neben vielen bunten lustigen Aktionsbildern und Berichten gezeigt werden.“

Leider steht im Programm nicht, welche Akteure dahinter stecken, so dass sich die Qualität der Veranstaltung schlecht vorab einschätzen lässt. Obwohl: Die üblichen SelbstdarstellerInnen auf dem Gebiet hätten sich die Gelegenheit einer Namensnennung und einer Verlinkung sicher nicht entgehen lassen.

Kommunikationsguerilla in Berlin auf der LiMa
Weiter geht es auf der sogenannten „Linken Medienakademie“ in Berlin vom Mo, 21.9. bis zum Sa, 26.9. Im Rahmen dieser von den etablierten linksbürgerlichen Medienfirmen und Stiftungen dieser Republik veranstalteten Aneinanderreihung von Workshops und Podien gibt es gleich mehrere Bezüge zur Kommunikationsguerilla.

So findet am Donnerstag, den 24.9. von 10 bis 17h der Workshop „Guerilla PR: Öffentlichkeitsarbeit für Independent Projekte. Wie man gute Pressearbeit mit ganz wenig Geld macht.“ von der selbsternannten „Independent-Filmemacherin“ Nana Rebhan statt. Der Workshop dürfte deshalb interessant sein, weil er zeigt, wie gerade die angeblich ach-so-kritische bürgerlichen Linksliberalen dafür sorgen, disidente Praktiken wie die Kommunikationsguerilla z.B. als Marketing-Strategie zu kommerzialisieren. So führt Frau Rebhan das hier immerhin als „PR“ und „Marketing“ bezeichnete Programm in anderen Kontexten als politische Kommunikationsguerilla auf. Wer sich das anschauen möchte, hat dazu bereits am Samstag, den 26.9. in Hannover ebenfalls dank der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Gelegenheit. Die dortige Veranstaltung heißt „Kommunikationsguerilla im digitalen Zeitalter“ und es geht explizit darum, diese als Werbestrategie für angebliche „Independent“-Produkte einzusetzen.

Konzernprotest-Tagung in Berlin am 26.9.
So richtig zur Sache geht’s aber auf der in enger Kooperation mit der LiMa stattfindenden größtenteils von Umweltverbänden veranstalteten Tagung „Konzernprotest. Wenn Konzerne den Protest managen…“ in der Humboldt-Uni. Die Veranstaltenden beschäftigen sich dort mit subversiven politischen Strategien ihrer GegnerInnen, denen sie scheinbar relativ hilflos gegenüber stehen. Es ist schon traurig, dass langweilige staatstragende, aber immer selbstverständlich „das Gute“ vertretende NGOs in D-Land erst durch ihre GegnerInnen zur Beschäftigung mit subversiven Politikstrategien gezwungen werden müssen. Und weil das eigene Know-How dementsprechend gering ist, hat man sich das Peng!-Kollektiv eingeladen. So verspricht das Programm von 11.15 bis 11.30 eine „Kunstaktion“: „Und dann macht es PENG! – Wenn Proteste Konzerne managen. Das Kreuzberger Peng! Kollektiv mit künstlerisch-aktivem Einsprengsel“. Und von 15.30 bis 17h darf das eben jene Gruppe mit einem Workshop zu Kommunikationsguerilla in seine hohe Kunst einführen.

Filmvorführung „The Yesmen“
Für an subversiven Protest Interessierte bietet das Konglomerat aus LiMa und Konzernprotest-Tagung zudem Vorführungen der Yes-Men-Filme. Der erste Teil der populistischen Dokumentationen über eine Gruppe AktionskünstlerInnen aus New York läuft am 18-19.30 (The Yesmen, 2003). Der zweite Teil am Freitag, 18-20h (The Yesmen fix the world, 2009). In früheren Entwürfen des Programms wird zudem der aktuell in den Kinos laufenden dritte Teil für Samstag Abend angekündigt.

Recht auf Stadt in Berlin
Darüber hinaus findet in Berlin von Do, 24.9. bis zum 27.9. eine als Kongress, Kunst und Stadtaneignung bezeichnete Veranstaltung mit dem Namen „Reclaim your city“ statt. Die Veranstaltenden schreiben: „ Nach zehn Jahren künstlerischem Stadt-Aktivismus wird es Zeit für eine Bilanz. Wir wollen wissen, wo Kunst und Kultur in der Stadtentwicklung stehen und wie es in Zukunft weitergehen soll“. Im Programm finden sich ebenfalls Veranstaltungen aus dem Themenfeld der Kommunikationsguerilla. Das Programm ist voll mit Veranstaltungen zu Stadtprotest, städtischer Protestbewegung, Graffiti und Aktionskunst.

Herausstechen tun jedoch zwei Veranstaltungen. Zum einen am Samstag, den 26.9. um 19h ein Podium mit dem Titel „Subversive Tactics- hacking the public space “. Weiter heißt es: „ mit Artúr van Balen (Tools for Action), Hauke (Graffiti Research Lab), Gian Luigi Biagini (ANARTIST). Moderation: J-Pappe/Pappsatt. Ein 12m aufblasbarer Hammer fliegt in einem Rollkoffer nach Mexiko, ein bateriebetriebener Videobeamer düst auf einem Lastenfahrrad durch Kreuzberg, ein Boot mit Rädern aus Ikea-schrott segelt durch die Straßen Berlins…. Mit Künstlern und Aktivisten wollen wir anhand ihrer künstlerischen Praxen die Motivationen/Potentiale/Gefahren erörtern, die hinter deren Interventionen in den öffentlichen Raum und in Protestbewegungen stecken.“ Darüber hinaus gibt ebenfalls am Samstag leider ohne Angabe der Uhrzeit „Straßenkunst“ mit dem Zentrum für Politische Schönheit.

Aktionskunst in Hannover
Doch nicht nur in den Millionenstädten wird sich in zwei Wochen mit Kommunikationsguerilla beschäftigt. In der eher beschaulichen niedersächsischen Landeshauptstadt findet ebenfalls vom 21.9. bis zum 27.9. im sogenannten Kulturpavillon das „Spamfilter-Festival. Eine Woche Netzkultur“ statt. Neben dem schon erwähnten Marketing-Workshop von Nana Rebhan (Kommunikationsguerilla im digitalen Zeitalter) am Samstag, den 26.9. um 15h gibt sich am selben Tag um 18.30 das Zentrum für Politische Schönheit die Ehre. Die Veranstaltung heißt „Moral, politische Poesie und menschliche Großgesinntheit.

Wochenseminar bei der Verdi-Jugend in Naumburg

Die vielleicht nachhaltigste Gelegenheit, sich mit kreativen Protest vertraut zu machen, bietet in der Woche vom Montag, den 21.9. bis zum Freitag, den 25.9. ausgerechnet die Verdi-Jugendbildungszentrale im hessischen Naumburg. In der fünftägigen Veranstaltung „Funktionierst du noch oder rebellierst du schon?“ soll es um folgenden gehen:

„DU WILLST . . . unsere Gesellschaft besser verstehen und verändern? Funktionierst Du noch oder rebellierst Du schon? Macht und Manipulation im Alltag widerstehen. Instrumente erkennen, die in der Öffentlichkeit genutzt werden, um unsere Meinungen zu beeinflussen. Mit Methoden der Kommunikationsguerilla lernen, die öffentliche Meinungsbildung mitzugestalten. Eigene Techniken und Instrumente entwickeln, um humorvoll Widerstand zu leisten“.

Marc Amann in Heidelberg
Auch im badischen Heidelberg muss man im besagten Zeitraum auf kreativen Straßenprotest nicht verzichten. Am Samstag, den 26. gibt der Buchautor Marc Amann beim Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg einen ganztägigen Workshop. „Praxisworkshop: Kreative Straßenaktionen“ lautet der schlichte Ankündigungstext.

Wirkung auf politische Bewegungen?
Doch was bringt der Hype für die politischen Protestbewegungen hierzulande? Vermutlich nichts. Neben der in linker Bewegung kultivierten Langeweile und Staatsbezogenheit sind dafür jedoch auch immanente Gründe der angeblich neuen Aktionsform ausschlaggebend. Politische Kunst ist meistens eher gut gemeint als gut gemacht. Mal davon abgesehen, dass man vielen politisch gemeinten Kunstwerken die mangelnde Vertrautheit ihrer Urheber mit gesellschaftstheoretischen Diskursen ansieht, hat das Dilemma politischer Kunst auch strukturelle Gründe.

Kunst im Ghetto
So ist das gesellschaftliche Feld der Kunst in einer stratifizierten ausdifferenzierten Gesellschaft zwangsläufig ein gesellschaftliches Ghetto. Auf dem Feld der Kunst darf prinzipiell alles ausprobiert werden. Der Preis dafür ist die mit der Kunst einhergehende Bedeutungslosigkeit. Im Gegensatz zum gesellschaftlichen Feld ist in der Kunst getätigte Handlungen und Appelle normativ nicht mit einem Handlungsaufruf verknüpft. Kunst ist ein gesellschaftlicher Sonderbereich, der gerade durch seine Absonderung von anderen gesellschaftlichen Feldern zwar alles darf, aber bedeutungslos bleibt und lediglich bequem portionierte konsumierbares Erlebnis bietet. U.a. aus diesem Grund erlebt man bei gelungenen Kommunikationsguerilla-Aktionen im Nachgang oft, das die Akteure ihre bisher politisch gemeinte, mit einer Handlungsaufforderung verknüpfte Aktion als „Kunst“ oder „Satire“ umdeutet. Meistens ist das der Fall, wenn es im Nachhinein repressiven Stress gibt und den Akteuren aus Angst vor der eigenen Courage der Arsch auf Grundeis geht. Beispielhaft hierfür ist z.B. das in dieser Radiosendung enthaltenen Kurzinterview mit Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit 2009 nach einer Verhaftung wegen eines Verstoßes des Versammlungsrechtes. Typisch an dem Statements ist auch die Darstellung, dass so was in Berlin die große Ausnahme sei und die konsequente Ausblendung, dass das auch anderen Leuten passiert. Davon, dass man seinen privilegierten Zuggang zu Medien auch nutzen könnte, um auch Aufmerksamkeit auf andere weniger Privilegierte zu lenken, scheint man hier nichts wissen zu wollen.

Bezahlter Nischenbereich
Und so verkommt politische Kunst regelmäßig zu einem mehr oder weniger gut bezahlten Nischenbereich für ehemals kritische Geister. Das damit ein Zwang zur Kommerzialisierung und Vermarktung einsetzt, der mit krasser Personalisierung einhergeht, lässt sich u.a. am beim Gorki-Theater beheimaten Zentrum für politischen Schönheit sehen. Das eine derartige selbstgewählte Individualisierung mit einer auf kollektiver Mobilisierung beruhenden sich als wie-auch-immer-links verstehenden Bewegung auf Dauer beißen dürfte, liegt auf der Hand. Wer trotzdem mit der Mischpoke aus von öffentlichen Geldern abhängigen Kunst-KarrieristInnen, angepassten Spendenjagt-NGOs und das Erbe der Bewegungen und Akteure auf der Straße ausbeutenden ach-so-kritischen WissenschaftlerInnen mag, dem bieten sich in den nächsten Wochen gleich mehrere interessante Termine.