Dieser Text erklärt den linguistischen und diskursiven Weg des Begriffes Maquis, um anschließend aufzuzeigen, was dieser heute zu sagen haben könnte.

Das Gestrüpp
Der Wortstamm des Begriffes „Maquis“kommt aus dem Korsischen. Dort beschreibt er das undurchdringliche Gestrüpp der im ganzen Mittelmeerraum vorkommenden felsigen Küstenwälder. Diese bezeichnen im alltäglichen Sprachgebrauch synonym die in ihnen lebenden gesellschaftlichen Randfiguren, unter anderem die Banditen.

Die, die in die Wälder gingen
Der italienische linguistische Einfluss auf den Wortstamm erklärt sich historisch. Sowohl Korsika als auch Sizilien haben eine lange Geschichte des konservativen Widerstandes gegen die Herrschaft des französischen bzw. italienischen Zentralstaates. Da Regierungen zu allen Zeiten und Orten der Welt dazu neigen, ihre militante Gegnerschaft als „Banditen“ zu verunglimpfen und zu kriminalisieren, kann der Begriff „maquis“ genutzt werden, um diese Rebellen zu beschreiben. Zu übersetzen wäre dieser dann etwa mit „Die, die in die Wälder gingen“.

Widerstand gegen Kollaboration
Das Phänomen des Maquis findet sich im 20. Jahrhundert in mindestens in mehreren europäischen Ländern, so Frankreich, Spanien, Italien und Jugoslawien. In allen diesen Ländern verfügten die faschistischen Regierungen, Besatzungsmächte oder Kollaborateure Wehr-oder Arbeitspflichten für junge Menschen, teilweise verbünden mit einer Deportation ins faschistisch regierte Ausland. Wer darauf keine Lust hatte, ging ins Gestrüpp und wurde zum Maquis.

Vom Gestrüpp in die Städte
Die vielen verschiedenen Maquis-Einheiten dürften insgesamt sehr wenig politische Gemeinsamkeiten gehabt haben. Gemeinsam dürfte ihnen lediglich drei Aspekte gewesen sein. Zum einen, der Wille, sich dieser auf die Verwertung des konkreten Menschen zielenden Maßnahmen zu entziehen. Außerdem die damit verbundene Dissidenz und kladestine Lebensweise. Und alle dürften viele bereit gewesen sein, das eigenen Lebens und das der eigenen GenossInnen gegen Militär, Miliz und Polizei im Notfall auch mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Dementsprechend groß ist die politische Vielfalt im Maquis. In der französischen Resistance bildeten Maquis die ersten kämpfenden Einheiten. Auch die Keimzellen der jugoslawischen Partisanen rekrutierten sich aus dem Maquis. Es gab aber auch konservative oder liberale Clans im Maquis. Ebenso finden sich völlig unpolitische Maquis, die einfach keine Lust auf Deportation in die deutsche Kriegswirtschaft hatten, und bis 1945 quasi „überwinterten“, um dann aus dem Gestrüpp zurück zukehren. Im heutigen Estland sind Strafaktionen gegen antisowjetische Marquis bis 1953 überliefert. In Spanien ist das Phänomen des anthropromorphen Gestrüpps bis zum Ende des faschistischen Franco-Regimes in den 1970ern nachweisbar. Der spanische Maquis war zudem auch im Dschungel der Städte aktiv.

Von der Resistance in den Kongo-Krieg
Nach der Landung der Alliierten in Frankreich 1944 beteiligten sich auch Teile des Maquis am Aufstand der Resistance. In der Regel ergaben sich deutsche Soldaten eher den Alliierten Truppen als dem Maquis. Hintergrund dafür war die die nicht unbegründete Angst vor Rache-Morden. In Jugoslawien waren Maquis an Massakern an als „Verrätern“ angesehenen Kriegsgefangenen beteiligt. Auch im französischsprachigen Zaire und den dortigen Kriegen im 20. Jahrhundert gibt es unangenehme Rückgriffe auf den Begriff des Maquis. So kooperierten in den 1970ern der argentinisch-kubanische Guerillero Che Guervara und der spätere Diktator Laurent-Désiré Kabila mit einer gleichnamigen Freischärler-Einheit, die bei der Bevölkerung für ihre Verbrechen berüchtigt war. Auch im zweiten Kongo-Krieg 1998-2001 kämpft eine Rebellen-Einheit unter diesem Namen.

Der Maquis im All
Im fiktiven Star-Treck-Universum gibt es auch einen Maquis. Nachdem irgendwann im 24. Jahrhundert die von den Menschen angeführte Föderation mit dem cardassianischen Imperium einen Frieden geschlossen hat, wehren sich in beiden Gebieten Individuen gegen diese Pax Galactica und die damit verbundene Herrschaft. In umgebauten zivilen Raumtransportern geistert der Maquis fortan unberechenbar durch die unterschiedlichen Folgen, um den Mächtigen Probleme zu machen. Die Organisierung der unterschiedlichen Einheiten wird dabei als dezentral und nonhierarchisch gezeichnet, während auf den Maquis-Schiffen militärische Führung und Disziplin herrscht.

In den Non-Zonen
Der ehemalige Vorsitzende von Ärzte ohne Grenzen, der Franzose Jean-Christophe Rufin, zeichnet in seinem an „Brave new Wourld“ angelehntem dystopischen Roman „Globalia“ ebenfalls eine von jeder Herrschaft bekämpften Rebellenorganisation, die in ihrer Ambivalenz deutliche Züge des Maquis zeigt. Auch sind Menschen, die keine Lust hatten, sich mit einer Weltregierung anzufreunden, in die gestrübbartigen „Non-Zonen“ gezogen, wursteln sich und ihre Clans so durch, kämpfen mit allen, was sie finden können, mehr oder weniger erfolgreich gegen Globalia, und bilden ein sich über den Planeten ziehendes Netz der Dissidenz. Der Aspekt der gegenseitigen Hilfe und die Schilderung der Schattenökonomie nehmen breiten Raum im Buch ein.Vermutlich kein Zufall, denn Rufins Vater verbrachte zwei Jahre im KZ Buchenwald, weil er verdächtig wurde, den Maquis zu unterstützen.

Widerstand gegen die Alliens
All diese literarischen Aspekten finden sich auch in „Die Aliens sind unter uns“ von Christoph Spehr. In diesem Buch erklärt der Politikwissenschaftler und Fantasy-Fan die Metarmorphose kapitalistischer Herrschaft von den nationalen ideellen Gesamtkapitalismen zum transnationalen Kapitalismus anhand eingängiger Bilder aus der Pop-Kultur. Hierbei macht er zur Erklärung der nach wie vor existenten Dissidenz beim Bild der Maquis Anleihen.

Wirkmächtigkeit des Mythos
Wie wirkmächtig in kollektiven Bewusstsein von europäischen Gesellschaften der Mythos des Waldes, des Busches, des Gestrüpps ist, lässt sich auch an der Rezeption des Mythos um Robin Hood sehen. Neben der augenscheinlichen Parallele des Leben im Waldes erfährt die Rezeption Robin Hoods eine ähnliche Transformation wie der Maquis-Begriff. In den frühesten Überlieferungen des Mythos wird Robin von Looksley lediglich als brutaler, aber unterhaltsamer und gewiefter Bandit geschildert. Kommt die aufständige Komponente mit dem ungerechten Sheriff dazu. Und zuletzt wird von den Erzählenden der Geschichte noch die sozialrevolutionäre Komponenten der Umverteilung durch Raub und Verteilung der Beute hinzu.

Nicht nur eine Guerilla
Vermutlich u.a. durch den Erfolg der französischen Resistance ist das gesellschaftliche Bild des Marquis das einer Guerilla. Doch dies bildet nur einen geringen Teil der Tätigkeit des Maquis ab, zumal die militärische Wirksamkeit des Maquis von HistorikerInnen in mehreren Ländern massiv bezweifelt wird. Der Maquis war eher eine Subkultur als eine Truppe. Und diese Subkultur war in erster Linie mit dem Überleben beschäftigt. Durch den Repressionsdruck des Staates musste der Marqui dazu informelle Wirtschaftsweisen mit kladestinen Transport- und Kommunikationswegen etablieren. Diese Kultur wiederum konnte Flüchtige und Verfolgte aller Art aufnehmen, verstecken oder integrieren.

Emanzipation als Besonderheit
Das Besondere an den Gestrüppbewohnenden des Mittelmeerraumes ist, dass hier bei allen Unterschieden irgendwie emanzipatorische Zielrichtungen und Vorstellungen das Handeln der Individuen bestimmten. Was das Phänomen des Maquis interessant macht, ist zudem seine Ambivalenz. Von knallhart politisch motivierten WiderstandskämpferInnen bis zu lediglich proto-postmateriellen proto-hedonistischen „Ohne Mich!“- Akteuren hat es im Gestrüpp alle Arten und Formen politischer Motivation des sich des Zugriffes der Herrschaft entziehen, des anderen Helfens und des Kämpfens gegeben. Gleichzeitig mahnen die negativen Seiten des Phänomens davor, wie weit Menschen bereit sind, zu gehen, wenn sie glauben, dass ihre Überzeugung dies notwendig machen würde. Dieser Facettenreichtum, der dunkle Seiten, Fehler, Irrtümer und Verbrechen einschließt, keine direkte Richtung hat und auch nicht die eine alles auflösende Perspektive zu bieten hat, erschien trotzdem als Gespenst und Mythos den Mächtigen der Welt als Menetekel. Vielleicht bietet der Mythos des Maquis linksradikalen Perspektiven in Zeiten, wo die Alternativlosigkeit scheinbar keine Alternative zulässt.